Brücken ins Vergessen bauen

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Détails

Wie entsteht Demenz? Wie geht man mit demenzkranken Menschen richtig um? Welche Möglichkeiten gibt es, einer Erkrankung vorzubeugen? Dieses Buch widmet sich dem Themenkreis Demenz in lebensnaher Form aus ganzheitlicher Sicht. Es beleuchtet Zusammenhänge sowohl im körperlichen als auch im seelisch-geistigen Bereich und zeigt auf, daß sich der eigentliche Mensch nicht durch Gehirnfunktionen definiert – und auch im Fall einer Demenz ansprechbar bleibt.
Informations complémentaires
Auteur diverse
ISBN 978-3-87860-324-5
Format 14.50 x 21.00 cm
Présentation Hardcover
Nombre de pages 80
Langue Deutsch
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Extrait

Menschenwürde trotz Demenz

Von Werner Huemer

„Die Person sickert Tropfen für Tropfen aus der Person heraus …“ Mit diesen Worten wird auf der Internetseite „Gedanken zum Thema Alter“ die Demenz beschrieben, eine Krankheit, an der im deutschsprachigen Raum vermutlich mehr als eineinhalb Millionen Menschen leiden. Eine Krankheit des Alters, die mit zunehmender Lebenserwartung immer häufiger auftritt – knapp 25 Prozent der über 85jährigen und 35 Prozent der über 90jährigen sind davon betroffen –, die der Forschung aber immer noch Rätsel aufgibt und sowohl die Betroffenen als auch die Angehörigen an ihre Grenzen führt.

Was bleibt von einem Menschen, der nach und nach seine Erinnerung verliert, seine Fähigkeit zu sprechen, Freunde und Verwandte wiederzuerkennen, Gegenstände zu identifizieren, der seine Lernfähigkeit und seine Orientierung einbüßt?

Wie erlebt ein solcher Mensch selbst sein „Ich“? Und wie begegnet man ihm am besten?

Was bleibt vom Menschen?

Der Begriff „Demenz“ kommt vom lateinischen „dementia“, was „ohne Geist“ bedeutet. Aber sind demenzerkrankte Menschen wirklich, wie bisweilen vermutet wird, „Körper, die der Geist verlassen hat“, „leere Hüllen“, aus denen die Persönlichkeit verschwunden ist?

Im materialistischen Weltbild, das die heutige Medizin dominiert, wird der Mensch mit seinen Körperfunktionen gleichgesetzt, und „Geist“ wird als Ergebnis der Gehirntätigkeit betrachtet. Das Gehirn gilt als das Zentrum des Menschseins, und wenn – wie im Fall der Demenz – eine fortschreitende Gehirnerkrankung diagnostiziert wird, dann liegt die Ansicht natürlich nahe, daß diese fürchterliche Krankheit tatsächlich die geistige Persönlichkeit des Menschen zerstört.

Doch diese Sicht der Dinge wird der Wirklichkeit nicht gerecht. Denn gerade im Umgang mit Demenzerkrankten zeigt sich, daß trotz des zuletzt dramatischen Verlustes ihrer Denkfähigkeit vieles von dem typisch Menschlichen erhalten bleibt. Ihre Gefühls- und Empfindungswelt besteht weiterhin, auf diesen Ebenen bleiben die Erkrankten auch ansprechbar, und bei genauerer Betrachtung kann man den Eindruck gewinnen, daß die Krankheit deren geistige Persönlichkeit nicht wirklich zerstört, sondern zunehmend in der Entfaltung hemmt.

Die Betroffenen wollen sich ja erinnern und ausdrücken können, aber das „Werkzeug“ dafür, das Gehirn, funktioniert nicht – was, je nach Anlage und Temperament, zu Aggressionen oder Depressionen führen kann.

Sie wollen ja kommunizieren, Kontakte pflegen und die Vielfalt des Lebens genießen, finden sich aber immer mehr auf sich selbst zurückgeworfen, denn das, was früher im Leben selbstverständlich war, weil der „Autopilot Gehirn“ funktionierte, nimmt nun ihr Bewußtsein voll in Anspruch: Worte finden, sich an die Bilder von gestern erinnern, Erfahrungen abrufen …

Irgendwann, nachdem zunächst das Kurzzeitgedächtnis und später unter anderem das Sprechvermögen, der Orientierungssinn und das Langzeitgedächtnis gestört sind, zwingt die Krankheit die Betroffenen zur Resignation. Sie bleiben auf das Erleben des Momentes fixiert, ohne die Vergangenheit ihres Lebens miteinbeziehen oder eine Zukunft willentlich gestalten zu können. So kommt es zu einem Zustand, der in der Diagnose als „Verhaltensstörung“ bezeichnet wird: Die Betroffenen werden apathisch, irren ziel- und erinnerungslos umher, entwickeln oft Eßstörungen, weil sie sich nicht mehr erinnern können, was eßbar ist und was nicht, und ersetzen das Erleben der äußeren Welt, zu der sie keinen vernünftigen Zugang mehr finden, durch unreflektierte innere Bilder. Daher kommt es bei demenz-erkrankten Menschen häufig zu sogenannten „Wahnvorstellungen“ oder Halluzinationen, manchmal auch zu Euphorie oder enthemmtem Verhalten.

Medizinische Behandlungsansätze

Die Medizin steht dem Krankheitsverlauf, der von Mensch zu Mensch stark variieren kann, bis heute relativ hilflos gegenüber. In den vergangenen Jahren hat man den Begriff „Demenz“ genauer definiert, und man unterscheidet nun verschiedene Formen, wobei die sogenannte „Alzheimer-Krankheit“ als die häufigste Ursache für Demenz gilt. Etwa 60 Prozent aller Demenzerkrankungen (man schätzt, daß weltweit insgesamt etwa 24 Millionen Menschen betroffen sind) gehen auf „Morbus Alzheimer“ zurück. Bei dieser Erkrankung – benannt nach dem deutschen Arzt und Neuropathologen Alois Alzheimer (1864–1915), der sie entdeckte – bilden sich im Gehirn „neurofibrilläre Bündel“, die die Gehirnzellen zersetzen. (Genaueres dazu finden Sie im Kapitel „Leben ohne Geist?“)

Eine wirkungsvolle Behandlung, die zur Heilung der Erkrankung führt, gibt es bis heute nicht. Einige Medikamente können bestimmte kognitive Fähigkeiten verbessern, aber das Fortschreiten der – letztlich tödlichen – Krankheit läßt sich nicht verhindern. In den meisten Fällen beträgt die Lebenserwartung des Betroffenen nach der Diagnose etwa sieben bis zehn Jahre.

Um so wichtiger erscheinen Vorsorgemaßnahmen. Weitgehende Einigkeit herrscht unter Medizinern heute darüber, daß ausreichende Bewegung, gesunde, pflanzenbasierte Ernährung, geistig anspruchsvolle Tätigkeiten und der Verzicht auf Nikotin das Risiko einer Demenz erkrankung vermindern, wenngleich die Veranlagung dafür genetisch mitbedingt sein dürfte. Dagegen werden Bluthochdruck, hohe Cholesterinwerte, Diabetes und erlittene Schlaganfälle als Risikofaktoren genannt. Aber auch Aluminium-Einlagerungen durch belastetes Trinkwasser, Amalgam-Zahnfüllungen und hoher Fernsehkonsum stehen im Verdacht, als Faktoren für den Ausbruch von Demenzerkrankungen eine Rolle zu spielen.

Weltweit wurden und werden intensive Forschungen betrieben, um die Entstehung von Demenz besser zu verstehen. So wird zum Beispiel untersucht, ob nicht unbekannte Infektionen und Entzündungen im Gehirn eine Rolle spielen könnten. Das große – heute noch ferne – Ziel ist es, wirkungsvolle Medikamente zu entwickeln, die den Krankheitsverlauf stoppen.

Den eigentlichen Menschen erkennen

Kurzfristig wäre es indes vor allem angezeigt, in der Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz neue Wege einzuschlagen – und zwar auf der Grundlage eines ganzheitlichen Menschenbildes, das nicht nur die Körper- und Gehirnfunktionen vor Augen hat.

Denn der Eindruck, daß die Krankheit die geistige Persönlichkeit des Betroffenen nicht wirklich zerstört, sondern „nur“ in ihrer Entfaltung hemmt, stimmt durchaus, wenn man den Menschen als Ganzheit von Körper, Seele und Geist versteht.

Demnach ist der eigentliche menschliche Wesenskern, dem das „Ich“-Bewußtsein verbunden ist, geistig. „Geist“ ist also nicht etwa nur eine Gehirnfunktion, sondern „Geist“ ist eine selbständige Beschaffenheit, eine immaterielle Wesensart. „Geist“ ist das Lebende im Menschen, das Bewußtsein, das sich im Lauf des Lebens formt und entwickelt, das die vielfältigen Erfahrungen aus der Vergangenheit in sich trägt und durch Willensakte aktiv seine Zukunft gestaltet.

Dieser Geist, unser Wesenskern, der sich über die innere Stimme der Empfindung äußert, umhüllt sich zum Zweck seiner Entwicklung mit Körpern verschiedener Stofflichkeiten. Gemeinsam mit diesen Hüllen bezeichnet man den Geist als „Seele“. Und dieser Seelenkörper schließt sich für die Spanne des Erdenlebens dem physischen Körper an, er „tritt in das Fleisch“ ein, er „inkarniert“.

Eine solche Inkarnation führt dazu, daß sich das Bewußtsein des eigentlichen geistigen Menschen mit den Funktionen des physischen Körpers verbindet. Für diese Verbindung spielt das Gehirn die zentrale Rolle. Das Gehirn ist demnach nicht selbst das Zentrum des Menschen, sondern es ist das zentrale Verbindungsorgan zwischen dem physischen Körper und dem „inneren Menschen“, also dem Geist im Seelenkörper. Nach wie vor – also im inkarnierten Zustand ebenso wie im nicht-inkarnierten außerhalb des physischen Körpers – ist der Geist allein jene Instanz, die lebt, erlebt und Bewußtsein entfaltet. Aber sobald der Geist dem physischen Körper angeschlossen ist, ist sein gesamtes Wirken den Funktionen dieses Körpers verbunden. Was immer vom Geist ausgeht – Empfindungen, Entschlüsse, Willensakte –, „fließt“ durch die Körperhülle; der Impuls muß also vom Gehirn verarbeitet und in Gedanken, Worte und Handlungen umgesetzt werden. Und auch alles, was aus der physischen Welt auf den Geist zurückströmt, „übersetzt“ das Gehirn: Sinneseindrücke ebenso wie körperliche Bedürfnisse jeder Art.

Diese permanente Übersetzungs- und Vermittlungstätigkeit zwischen unserem eigentlichen geistigen Bewußtsein und der physischen, körperlichen Welt, die das Gehirn während des Wachzustandes leistet, nennt man das Tagbewußtsein. Neben dem, was uns – dem Geist – tatsächlich bewußt wird, steuert das Gehirn noch viele weitere körperliche, emotionale und kognitive Prozesse, die unbewußt ablaufen, so daß wir die Möglichkeit haben, uns ganz auf das zu konzentrieren, was dem Erhalt und der Entwicklung unseres Wesenskernes dient.

Im Falle einer Demenz wird das tagbewußte Erleben durch die Erkrankung des Gehirns zunehmend gestört. Sein wichtigstes Werkzeug in der physischen Welt gerät für den Geist dadurch außer Kontrolle. Der eigentliche innere Mensch mit seinem Erlebnishunger und seinen Ausdrucksbedürfnissen ist immer noch der gleiche, der Geist ist auch nicht „krank“ oder gar „zerstört“, aber er wird zunehmend gehemmt und in einen Zustand der Passivität gedrängt, die ihn der Außenwelt entfremdet.

Es ist wohl nicht möglich, allgemein zu beschreiben, welchen Nutzen ein solches Erleben für den Betroffenen hat. Zweifellos liegt in jedem Leid auch ein Segen, eine besondere Entwicklungsmöglichkeit, die aber „von außen“ oft schwer zu erkennen ist. Jedenfalls aber fördert jede erzwungene Passivität die Sehnsucht nach Aktivität, nach Bewegung und Betätigung aller menschlichen Ausdrucksmöglichkeiten.

In unserer Gesellschaft wird überwiegend das Ideal des „süßen Nichtstuns“ gepflegt, man arbeitet „auf die Pension hin“ oder freut sich auf den „Ruhestand“; Alltagsroutinen werden gegen Neuerungen verteidigt; das passive Konsumverhalten definiert unsere „moderne Leistungsgesellschaft“ in Wirklichkeit viel nachhaltiger als kreative oder soziale Leistungen, die Geistesregsamkeit bedingen würden. Aus dieser Sicht mag man in den immer weiter verbreiteten Demenzerkrankungen ein notwendiges Korrektiv sehen, das in viele Menschengeister neue Sehnsucht nach Ausdruck und nach geistiger Bewegung pflanzt, denn das Leben wird für sie ja nach dem Ablegen der kranken Körperhülle weitergehen und vielleicht bald wieder zu einer Inkarnation führen, in der ihre neu erwachten Wünsche und Bedürfnisse Erfüllung finden können.

Aber: man hüte sich vor jeglicher Verurteilung eines Betroffenen! Letztlich ist es nämlich gar nicht so sehr von Bedeutung, was uns ein Krankheitsbild zu sagen hat. Viel entscheidender ist, wie wir auf die Krankheit reagieren.

Wer an sich selbst Auffälligkeiten entdeckt, die zu einer Demenz erkrankung führen könnten (aber Vorsicht vor Fehleinschätzungen, es gibt zum Beispiel auch die ganz normale „Altersvergeßlichkeit“, depressive Verstimmungen oder andere psychische Störungen, die dem Bild einer Demenzerkrankung ähneln!), sollte dies als besonderen Ansporn betrachten, die verbleibende Zeit bestmöglich im Sinne geistiger Entfaltung zu nützen.

Und wer einen an Demenz Erkrankten zu betreuen hat, sollte sich darüber bewußt sein, daß er hier keinen „entseelten“ Körper vor sich hat, sondern den gleichen Menschengeist, den er vielleicht von früher kannte, der aber nun in seinen Möglichkeiten stark behindert ist. Und doch hat der Kranke Bedürfnisse, Gefühle und Empfindungen. Er sendet Signale aus, die verstanden, mitempfunden und beachtet werden wollen. „Feine Antennen“ sind dafür nötig. Der Betroffene kann vielleicht nichts Vernünftiges mehr sagen, aber die Art, wie er etwas zum Ausdruck bringt, der Klang seiner Stimme, seine Mimik zeigt, was ihn bewegt. Solche Signale sollte man erkennen lernen und behutsam damit umgehen, so daß eine wertschätzende Begleitung des Menschen möglich wird.

Auch in der Art, wie man einen an Demenz Erkrankten anspricht (siehe Kapitel „Guter Kontakt ist möglich“), kann man viel Gutes bewirken und ihm helfen, seine Menschenwürde zu bewahren. Falsch wäre es zum Beispiel, den Betroffenen ständig unter Druck zu setzen, weil er etwas Unvernünftiges sagt, oder ihn wie ein kleines Kind zurechtzuweisen. Es sollte in erster Linie darum gehen, alle noch vorhandenen Kommunikationsmöglichkeiten zu erkennen und zu nutzen, nicht aber darum, ständig auf Unzulänglichkeiten hinzuweisen. –