Von Stufe zu Stufe (E-Book)

Oscar Busch

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Description

Details

Dieser Text gibt ein Beispiel von medialer Rückschau. Es handelt sich um einen glaubwürdigen Bericht, den eine reuige Menschenseele aus dem Jenseits einem dafür empfänglichen Medium schilderte. Er gibt ein beeindruckendes Zeugnis dafür, daß jeder unbedingt ernten muß, was er gesät hat, und zugleich zeigen sich die wunderbaren Hilfen, die für reuige Menschen bereitstehen, um sie aus ihren Irrungen wieder herauszuführen. Darüber hinaus zeigen die Erlebnisse der betroffenen Personen, daß persönliche Verbindungen auch im Jenseits und bei späterer Wiederverkörperung auf der Erde bestehenbleiben, bis alles Hemmende, Falsche gelöst ist.

Der Text, den wir im folgenden unverändert wiedergeben, erschien erstmals 1911 unter dem Titel ,,Aus der Erniedrigung aufwärts“ im Leipziger Verlag Oswald Mutze, der bis in die 1930er Jahre Pionierarbeit für das Forschungsgebiet supranormaler Erscheinungen leistete. Danach (1977) wurde der Text herausgegeben von der „Rechtshilfe-Verlags-Gesellschaft“ Zürich, 2001 vom Offenburger „Verlag Alma Wolfrum“ und zuletzt, im Jahr 2007, im Rahmen einer Serie der Zeitschrift „GralsWelt“ (ab Heft 45) unter dem Titel „Von Stufe zu Stufe“.

Die vorliegende Publikation folgt in der Kapiteleinteilung dieser Serie.

Additional Information
Author Oscar Busch
ISBN 978-3-87860-435-8
Format .epub, .mobi (ohne Kopierschutz/DRM)
Language Deutsch
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1. Mein erster großer Fehler

Gewinnsucht ist die Wurzel manchen Übels! – Diese Wahrheit, die ich leider zu spät und nur durch eigne trübe Erfahrungen schätzen lernte, will ich als Motto setzen über folgende Erzählung von meinen Fehltritten, meinen Sorgen und Leiden, meinen Kämpfen und meinem Streben, mich aus der Erniedrigung wieder aufzurichten, in die ich einst nicht nur mich selbst, sondern auch ein anderes Wesen stürz­te, das noch mehr als ich darunter gelitten hat.

Wie seltsam ist es, auf eine Vergangenheit zurückzublicken, die so weit hinter mir liegt, daß ich sie ganz ruhen lassen könnte – es ist ein Se­gen, daß ich das vermag –, auf Erinnerungen, die lange in Vergessenheit geraten sind, die aber noch nach Belieben im grellen Licht der Wirklichkeit hervortreten können; Erinnerun­gen, so gewichtig, so unheimlich, daß sie noch jetzt wie ein beklemmen­des Alpdrücken in einem gräßlichen Traume nachwirken, aus dem man sich wachschreien möchte, ohne daß es einem gelingt.

Warum rufe ich denn diese Bilder zurück, die bleich und hohläugig vor mich hintreten und mich anstarren. – Warum?

Ich gehöre nicht zu denen, die sich gern an ihren eignen Leiden weiden, im Gegenteil, ich bin froh und dankbar, sie von mir abgewälzt zu haben. Meinetwegen rufe ich sie auch nicht wieder wach; nein, möchten sie andern Ewigkeitswanderern zur Warnung und Aufklärung dienen.

Ich habe es mir als Strafe auferlegt, diese Erinnerungen einem jeden preiszugeben, der diese Zeilen lesen will, gleichviel, ob er das Buch mit ei­nem höhnischen Achselzucken oder mit einem Stich im Herzen aus der Hand legt.

Mein Leben war kein spannen­der Roman. Ich will nur einige Abschnitte desselben aufrollen und einige Züge der Persönlichkeit zeichnen, die ich einst vorstellte, du kannst dann die Umrisse nach Belieben selbst ausfüllen. Ich will dich durch das Labyrinth der Erinnerungen führen.

Sei dir nur bewußt, daß das, was du siehst, nicht gestern geschah, son­dern daß mehr als ein Jahrhundert zwischen dem Einst und Jetzt liegt.

Wir sehen einen jungen Mann vor uns, den Sohn eines angesehenen und wohlhabenden Bürgers, welcher Inhaber eines großen Handelshauses ist, das seit mehreren Generationen derselben Familie angehörte und an Macht und Reichtum stets gewachsen war. Wolfgang soll es einst von seinem Vater erben und die Traditionen des Geschlechtes weiterführen. Er hat eine gute Erziehung genossen und ist kürzlich von einer längeren Reise im Ausland zurückgekehrt, wo er bei vielen Geschäftsfreunden seines Vaters ein gefeierter Gast war. Jetzt soll er den ihm gebührenden Platz als rechte Hand des Inhabers im Kontor einnehmen und sich nach des Vaters Wunsch ei­nen eigenen Hausstand gründen.

Er hat eine Cousine, die blondlockige Gerda. Sie ist nur zwei Jahre jünger als er, eine eben erblühte Rose. Über ihrem ganzen Wesen liegt ein unwiderstehlicher Zauber seelenvoller Weiblichkeit. Die beiden sind zusammen aufgewachsen, und nichts war natürlicher, als daß sie einander Treue gelobten, ehe Wolfgang in die Welt hinausreiste. Aber dieses Versprechen blieb vorläufig noch ein Ge­heimnis.

Nun ist er wieder zu Hause. Äußerlich kann niemand eine Verän­derung an ihm wahrnehmen, es sei denn, daß er männlicher geworden ist und mehr Schliff bekommen hat. Aber Gerda erkennt in ihm nicht mehr den alten Wolfgang; etwas Fremd­artiges ist über ihn gekommen, wovor sie in innerster Seele zurückbebt. Er ist ihr nicht mehr mit derselben Vertraulichkeit entgegengekommen; es liegt jetzt etwas Erzwungenes in ihrem gegenseitigen Umgange.

Hat er in den letzten zwei Jahren vielleicht in dunklere Augen als die ihrigen geschaut? Hat vielleicht jemand …? Oder hat die Tochter des Bürgermeisters, die schwarzlockige, listige Gertrud, die reichste Erbin der Stadt, schon solch starken Eindruck auf ihn gemacht, daß er …? Oder ist es vielleicht nur eine gewisse Schüchternheit, die ihn beherrschte, als er bei seiner Rückkehr in ihr das Weib fand, nicht mehr das Kind, mit dem er früher gespielt und getobt hatte …?

Solchen Gedanken und Grübeleien gab sich Gerda in ihrem Kämmerlein hin, dieser Freistätte, die ihr im Hause des reichen Onkels, eines Bruders ihres Vaters, geboten war, als die Pest ihre beiden Eltern beinahe gleichzeitig hinweggerafft hat­te. Sie sitzt und näht, und ihre Gedanken fliegen mit der Nadel um die Wette, auf und ab zwischen Hoffen und Bangen.

Sie versucht, sich die Grillen aus dem Kopfe zu schlagen, jedoch umsonst; sobald ihre Augen auf einen Brief fallen, der vor ihr auf dem Tische liegt, kommt ihr alles wieder zu­rück.

„Derjenige, dem Du Dein Herz ge­schenkt, ist Dir untreu geworden, er liebt eine andere.“

So lauten die herzlosen Worte – ohne Unterschrift. Sicher hat Bosheit oder auch Eifersucht diese Wor­te jemandem eingegeben, daran ist nicht zu zweifeln, aber wer hat sie wohl geschrieben? – Es ist nicht wahr, was da steht, sie glaubt nicht daran.

Es klopft.

Sie steckt den Brief in die Tasche, die sie am Gürtel trägt, und geht, um zu öffnen. – „Ah, bist du es, Wolfgang“, – eine fliegende Röte bedeckt ihre Wangen – „komm herein und nimm Platz. – Ich dachte, du fändest mein stilles Winkelchen nicht mehr.“

„Wie kannst du so etwas sagen?“ war die etwas verlegene Antwort. „Du weißt doch, ich hatte seit meiner Rückkehr so viel zu tun. Aber nun hatte ich mir vorgenommen, ein Stündchen mit meiner kleinen Cousine zu plaudern, wenn ich nicht ungelegen komme.“

„Kleine Cousine“, die Worte trafen sie wie Dolchstiche. Sie antwortete nichts. Unruhig rückte er auf seinem Stuhle hin und her, und dann kam er unumwunden mit der Sprache heraus.

„Du weißt, daß wir uns vor meiner Abreise gelobten …

„Du brauchst mich nicht an mein Gelübde zu erinnern“, unterbrach sie ihn etwas kalt.

„Aber wir gelobten uns auch, es geheim zu halten, und das habe ich auch getan.“

„Ich auch“, antwortete sie ruhiger.

„Nun möchte mein Vater, daß ich mich verheirate und mir ein eigenes Heim gründe.“

„Hat er dir vielleicht auch eine Frau ausgesucht?“ Die Nadel flog ner­vös über die Arbeit hin.

„Ja.“

„Und du?“

Er antwortet nichts.

Eine Weile herrscht peinliches Schweigen.

Sie zieht den Brief hervor und überreicht ihm diesen.

„Ist es wahr, was da steht? Wolfgang! Wolfgang! Antworte mir of­fen.“ Sie bricht in Schluchzen aus, das Weinen bleibt ihr im Halse stecken.

„Wer hat das geschrieben?“

„Ich weiß nicht. Gestern kam dieser Brief an. Aber antworte mir, ist es wahr?“

„Darum handelt es sich jetzt nicht“, entgegnete er ausweichend. „Ich habe dich immer wie eine Schwester lieb gehabt, ich dachte auch einmal daran, du könntest … Aber jetzt fragt es sich, was ich meinem Vater antworten soll. Du weißt, mit ihm ist nicht zu spaßen.“

„Und du kommst zu mir, um dir Rat zu holen? Armseliger Wolfgang!“ Große Tränen glänzen in ih­ren Augen, während der Mund sich in eine harte Falte legt. „Fühlst du nicht, wie jämmerlich du jetzt vor mir stehst? Du fragst mich um Rat, ob du das Gelübde, das du mir gabest, brechen sollst? Mit deiner Fra­ge hast du es schon gebrochen. Zwischen uns ist’s aus. Geh und werde glücklich mit Gertrud – denn die ist’s natürlich –, wenn du kannst“, fügte sie beinahe tonlos hinzu.

Er ging beschämt aus dem Zimmer.

Dies war mein erster großer Fehltritt, den ich Schwächling beging, denn Wolfgang, der war ich; und es war nicht mein letzter. Er zog andere nach sich, Fall auf Fall.

Ein Jahr später war ich mit Gertrud verheiratet, diesem seltsamen Weibe, das mich so vollkommen beherrschte, dieser Schwarzelfe, die mir ihre Klauen so tief in die Seele grub. Ich hatte sie des Geldes wegen genommen, denn irgend ein zärt­liches Gefühl hatte sie niemals in mir erwecken können. Die geringe Liebe, deren meine selbstsüchtige Na­tur fähig war, hatte ich meiner armen Cousine gegeben; aber die Stimme der Gewinnsucht war stärker in mir als die des Herzens. Ich handelte wie ein elender Feigling, ich verließ sie, sie, meinen lichten Genius, der mich sicher zu sich emporgezogen hätte, ebenso gewiß, wie die andere mich Armseligen immer tiefer hinabzog.

Die Hochzeit war glänzend. Alle, die in der alten Hansestadt einiges Ansehen besaßen, waren eingeladen. Nur Gerda fehlte, sie lag an einem heftigen Fieber darnieder, das sie lange ans Krankenbett fesselte und für immer ihre zarte Gesundheit untergrub. Sie zog nachher von ihrem Pflegevater fort und verdiente sich ihren Lebensunterhalt durch Näharbeit.

Anfangs ging für uns alles gut von­statten. Mein Vater starb bald, und ich wurde Chef der Firma. Wir lebten sehr großartig und füllten die innere Leere mit lärmenden Festlichkeiten aus. Nicht oft saßen wir zu zweien, Hand in Hand, es war, als mahnte uns ein inneres Gefühl, das Alleinsein zu vermeiden. Zuweilen aber ließ es sich nicht ändern. Bei einer solchen Gelegenheit – wir saßen gerade zu Tisch – kam ich auf Gerda zu sprechen. Da fuhr meine Frau auf und verging sich in Schmähreden gegen sie.

„Sprich mir nicht von dieser Heuchlerin“, sagte sie, „sie ist es nicht wert.“

„Da bist du ungerecht“, antwortete ich, „Gerda ist ein gutes Mädchen.“

„Schämst du dich nicht, so et­was vor mir zu sagen?“ zischte sie. „Glaubst du, ich wüßte nicht, welche Ränke sie geschmiedet hat, um uns zu trennen. Glaubst du, ich wüßte nicht, wie sie dich mit ihren Tränen und ihren zärtlichen Umarmungen fangen wollte. Anfangs glückte es ihr auch – ja, ich weiß, ihr waret heimlich verlobt – aber ich war klüger als sie, ich legte eine Kontramine, die die zärtlichen Bande sprengte. – Hahaha!“

„Hast du ihr vielleicht den anonymen Brief geschrieben, worin steht, daß ich eine andere liebe?“– „Ja, mein Junge, das hast du mir zu verdanken, denn das gab wohl der Sache eine andere Wendung, als du wie ein Tor dastandest und nicht wußtest, zu wem du dich halten solltest. Den Schachzug sollten wir mit einem Glase unseres besten Burgunders feiern. Heh!“ Sie rief den Hausmeister, ich aber erhob mich. Es über­kam mich ein solches Gefühl des Ekels, das ich nie zuvor gekannt hatte, und doch war ich zu feige, für meine Cousine einzutreten. Wie ein Elender floh ich, statt den Kampf zu ihrer Verteidigung aufzunehmen. Ach! Ich hatte viele solcher Niederlagen auf dem Gewissen, und nach jeder neuen wuchs ihre Macht über mich.

Meine Mutter starb, als ich nur einige Jahre zählte, aber ich besaß eine mütterliche Freundin in dem alten Dorchen, meiner früheren Amme. Sie war die einzige, die mir die Wahrheit sagte und mich vor einem Le­ben, wie ich es führte, warnte. Die treue Seele! Sie fürchtete sich nicht, dem gefeierten Geldmagnaten ins Gewissen zu reden, wenn sie es für nötig hielt. Niemandem gegen­über hatte ich so viel Achtung und Anhänglichkeit zugleich. Auch sie hatte eine gewisse Macht über mich, aber Gertrud war die stärkere. Diese konn­te sie nie leiden, deshalb kam sie nie in unser Haus, sondern suchte mich im Kontor auf, anfangs öfter, nachher jedoch seltener.

„Um eins möchte ich ihn bitten“, sagte sie einmal. Sie nannte mich immer „er“.

Ich dachte, es wäre irgend eine Gunst, die sie für sich selbst ausbitten wollte, und hatte deshalb die Antwort sogleich bereit.

„Was du willst, liebes Dorchen, sollst du haben, das verspreche ich dir.“

„Verspreche er nicht mehr, als er halten kann“, sagte sie. „Ich möchte ihn nämlich bitten, in seinem Hause die Zügel selbst in die Hand zu nehmen und sie nicht Frau Gertrud zu überlassen, denn die steuert dem Abgrunde zu.“

„Dorchen“, antwortete ich etwas streng, „die Sache geht dich nichts an.“

„So, geht es mich nichts an, wenn er zugrunde geht? Es geht mich ebensoviel an wie meiner Seele Seligkeit, das sage ich ihm.“

„Verzeih, liebes Dorchen, ich weiß, du meinst es gut mit mir, aber …“

„Er tat unrecht, als er Fräulein Gerda von sich stieß und die andere nahm“ – es ging mir wie ein Schwert durch die Seele – „aber nun muß er die Folgen davon tragen und versuchen, ihrer Herr zu werden. Sei er ein Mann und ein Herr in seinem Hause, sonst zieht sie ihn ins Verderben. Ich habe böse Ahnungen, und ich muß ihn warnen.“

Das gute Dorchen! Sie kannte mich besser als ich mich selbst, aber ihre freundschaftliche Warnung verklang, ohne eine Spur zu hinterlassen, nur bekam ich eine gewisse Angst vor Dorchen, die ich vorher nie gekannt hatte. Jedoch in demselben Maße als Dorchens Einfluß auf mich schwächer wurde, stieg der von Gertrud. Sie wußte mich so gut zu leiten, sie war ebenso klug, wie sie stark war.

Wir hatten keine Kinder. Das Haus war leer, außer einigen Schmarotzern und Kurmachern. Ich bekümmerte mich aber nicht darum. Meine Frau war mir als solche völlig gleichgültig – ich entschädigte mich auf andere Weise – aber ich konnte mich nicht von ihrer Macht über mich freimachen.