Expedition Innenwelt, Band 1 (E-Book)

Werner Huemer

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Description

Details

Dieses Buch beschäftigt sich mit dem, was unser Menschsein ausmacht: Gedanken, Gefühle, Empfindungen. Die bewußte Innenwelt des Menschen – wie kommt sie zustande? Gibt es einen Bauplan für das unermeßliche Geist-Seele-Labyrinth hinter der „äußeren Fassade“ des Körpers? Eine Gesamtschau, mit der wir uns selbst und den Sinn unseres Daseins erkennen können – und die es uns erlaubt, ein glücklicheres, erfüllteres Leben zu führen? Die „Expedition Innenwelt“ führt den Leser Schritt für Schritt zur Erkenntnis seines eigentlichen Wesenskernes. Eine faszinierende Reise zum Ich – und zugleich ein wertvoller Lebenshilfe-Wegweiser.
Additional Information
Author Werner Huemer
ISBN 978-3-87860-436-5
Format .epub, .mobi (ohne Kopierschutz/DRM)
Language Deutsch
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Vorwort

Innenwelt – das ist der wohl faszinierendste Begriff in unserem Menschsein. Wer oder was ist das „Ich“, unser eigentlicher Wesenskern? Woher kommen die Gedanken, Gefühle, Empfindungen – all das in unserem Inneren, was unser Leben in Wirklichkeit erst lebenswert macht?

Solche Fragen liegen nahe, wenn ein Wesen, dem es gegeben ist, über sich selbst nachzudenken, das auch wirklich tut. Sie umschreiben aber zugleich den wundesten Punkt in der überwiegend materialistischen Weltauffassung dieser Tage: uns selbst. Im Blickfeld unserer wägenden, messenden, analysierenden Naturwissenschaft ist das menschliche Ich ja immer noch die größte Unbekannte. Nach wie vor rätseln wir darüber, ob der Mensch im wesentlichen eine hochkomplizierte biologische Maschine ist od er ein geheimnisvolles, willensbegabtes Geistwesen, dessen Natur sich nicht in der äußeren Physis erschöpft.

Unsere beträchtlichen naturwissenschaftlichen Fortschritte in der Anthropologie, also der Wissenschaft von der Abstammung des Menschen, und auch in der Medizin bieten keine befriedigenden Antworten. Sie beschränken sich in ihrem Verständnis vom Menschen auf Körperfunktionen, genetische Bausteine oder biologische Entwicklungsschritte. Sobald es aber um das Wunder der Innenwelt geht, weicht fundiertes Wissen oft sehr rasch vagen Vermutungen oder Theorien.

Was unsere innere Natur anbelangt – den freien Willen, das Ich-Bewußtsein, unseren Geist – begnügen wir uns im Regelfall mit der Dokumentation von Auswirkungen. Denn vom Wesen unserer Innenwelt wissen wir nur wenig. Und eine entscheidende Frage lautet: Können wir hier überhaupt auf Erkenntnisfortschritte hoffen, solange wir nur an eine physisch-materielle Welt glauben wollen?

Wäre der Mensch nichts weiter als ein intelligenter physischer Körper, vergleichbar einem Roboter, der von ausgeklügelten Computerprogrammen gesteuert wird, dann könnte so etwas wie eine Innenwelt wohl gar nicht entstehen. Es gäbe keine Gedankenbilder und inneren Stimmen, keine Träume in der Nacht, kein Bewußtsein am Tag, keine Willens- und Erlebnisfähigkeit.

Somit stellt ausgerechnet unser eigenes Inneres, unsere Ideen-, Gedanken- und Empfindungswelt, jede stur-materialistische Sicht der Dinge vehement in Frage.

Die Unsicherheit darüber, was wir in unserem Kern nun wirklich sind, bleibt natürlich auch für unser tägliches Leben nicht ohne Folgen. Denn wie oft scheitern Menschen dabei, mit ihren eigenen Gedanken, Gefühlen, Trieben oder Empfindungen sinnvoll umzugehen? Ein geklärter Blick auf die Fähigkeiten und Möglichkeiten, die uns als Menschen auszeichnen, könnte indes viel zu einem glücklichen und erfüllten Leben beitragen.

Daher möchte ich Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, mit diesem Buch auf eine Entdeckungsreise zum eigenen Selbst einladen. Sie werden bei unserer „Expedition Innenwelt“ viele wirkungsvolle Lebenshilfen finden, die sich aus dem bewußten Umgang mit Gedanken, Gefühlen und Empfindungen wie von allein ergeben – ohne daß irgendwelche besonderen „Psycho-Techniken“ angewandt werden müssen. Denn jeder Mensch kann in aller Natürlichkeit die ihm geschenkten Fähigkeiten für ein freies, bewußtes Leben nützen.

Durch die folgenden Kapitel dieses Buches werden uns zahlreiche wertvolle Erkenntnisse um die menschliche Innenwelt begleiten, die aus unterschiedlichen Richtungen stammen. Ein zentraler „roter Faden“ allerdings, an den ich öfter anknüpfen werde, wenn es um das Gesamtbild unseres Menschseins geht, ist das herausragende weltanschauliche Werk „Im Lichte der Wahrheit“, das Oskar Ernst Bernhardt (1875–1941) unter dem Pseudonym Abd-ru-shin vor bereits rund 80 Jahren schrieb. Denn dieses Werk bewährt sich nach meiner persönlichen Erfahrung als verläßlicher Wegweiser im heutigen Durcheinander der Begriffe und Definitionen.

Wenn unsere Innenwelt wieder gesunden soll – daß sie tiefgreifend erkrankt ist, zeigt sich nicht zuletzt am Zustand der Außenwelt –, dann ist dafür eine geistige Neuorientierung unumgänglich. Es geht darum, die eigentliche Bedeutung unseres Menschseins zu erkennen und selbstgezogene Grenzen zu überwinden – im eigenen Weltbild oder Begriffsvermögen wie auch in zahllosen „antrainierten“ Verhaltensmustern.

Jedes der folgenden Buchkapitel möge anregend und horizonterweiternd wirken, versteht sich grundsätzlich aber nur als stiller Weggefährte für eine Entdeckungsreise, auf die jeder Mensch in und für sich selbst gehen muß.

Auf dieser Reise werden wir unter anderem das Wunderwerk unseres „Erkenntnisorgans“ Gehirn kennenlernen, das für uns ebenso gewinnbringend wie gefährlich sein kann; wir werden uns in das Labyrinth der Triebe und Gefühle hineinwagen und zum Beispiel die umfassende Bedeutung der Sexualkraft kennenlernen; wir werden im Hinterfragen von Todesnähe-Erlebnissen an die Grenzen des Seelischen rühren – und wir werden dabei immer wieder auf sogenannte „jenseitige Dinge“ stoßen.

Wenn wir auf unserer Erkenntnisreise also die inneren Dimensionen des Menschseins ausloten wollen, dann werden wir allerdings nicht umhinkommen, auch einige Abgründe und Sumpflandschaften zu durchstreifen, um die Gefahren für unser Seelenleben bewußter zu erfassen: Egoismen und Eitelkeiten, Süchte und Abhängigkeiten, Ängste, Depressionen und vieles mehr – wobei sich aus dem Wissen um die Zusammenhänge erfreulicherweise immer auch Ansätze zur Befreiung aus solchen unliebsamen Befindlichkeiten folgern lassen.

Die „Expedition Innenwelt“ wurde in zwei Bände gegliedert. Der vorliegende Band 1 beschäftigt sich vor allem mit Gedanken, Gefühlen oder Trieben, also mit Bereichen unseres Seelenlebens, die mehr oder weniger dem physischen Körper verbunden sind. Der darauf aufbauende Band 2 führt dann noch tiefer zu den Wurzeln unseres Menschseins.

Ich hoffe, mit der vorliegenden Arbeit hilfreiche Anregungen zur Ausleuchtung des menschlichen Seelengrundes bieten und bisweilen auch eine Brücke zwischen medizinisch-psychologischen Erkenntnissen und spirituellen Erfahrungen schlagen zu können. Jedenfalls sollte deutlich werden, daß eine Reise in das eigene Selbst eben keine Angelegenheit ist, die einem erlauchten Kreis von Naturwissenschaftlern, Philosophen oder Mystikern vorbehalten bleiben und also unter Ausschluß der breiten Öffentlichkeit stattfinden muß.

Die „Expedition Innenwelt“ kann jeder Mensch unternehmen. Sie ist ein Ausdruck unserer Fähigkeit, Fragen über unser Dasein zu stellen und … im eigenen Forschen auch Antworten zu finden.

Werner Huemer
Hart-Purgstall, im Herbst 2007

 

Kapitel 1

FASZINATION INNENWELT

Lesen Sie in diesem Kapitel:

• Besinnung auf das eigene Innere
• Nachdenken über sich selbst
• Was bedeutet „Bei sich selbst sein“?
• Was bekannte Philosophen über das menschliche Ich dachten
• Ist das Ich dem Körper übergeordnet?
• Das alte „Leib-Seele-Problem“

»Seelische Krisen gelten als
lästige Störungen im gewohnten
Alltagsgetriebe, als Hemmnis,
das sich unseren eigenen Zielen
und Wunschvorstellungen
entgegenstellt.
Natürlich sind sie das.
Aber sie sind vor allem auch
ein kräftiger Anstoß zum
Überdenken der eigenen
Lebenssituation.«

Kapitel 1

Faszination Innenwelt

Einer der jüngsten Weltgesundheitstage stand im Zeichen seelischer Erkrankungen. Dabei wurde zu mehr Toleranz gegenüber psychisch gestörten Mitmenschen aufgerufen. Integration statt Ausgrenzung sei gefragt, und es müsse auch darum gehen, Berührungsängste im Hinblick auf die Psychiatrie und deren Behandlungsmethoden abzubauen.

Der Hintergrund für diese Appelle lag in einer anhaltend dramatischen Entwicklung: Internationalen Schätzungen zufolge leiden weltweit rund 400 Millionen Menschen an seelischen Störungen. Jeder zehnte Mitteleuropäer hat bereits mit einer mehr oder weniger ausgeprägten Form von Depression zu kämpfen, wovon jeder zweite Fall als behandlungsbedürftig angesehen wird. Dieser Anteil ist in den USA noch höher. Geschätzte 140 Millionen Menschen sind alkoholabhängig; die Zahl der weltweit in irgendeiner Form Suchtgefährdeten geht in die Hunderte Millionen. Und rund 45 Millionen Menschen sind an sogenannter Schizophrenie erkrankt, leiden also, oft isoliert von der übrigen Gesellschaft, unter einer Form von „Bewußtseinsspaltung“.

Dabei zeigen solche Statistiken nur die Spitze eines Eisberges, denn die Zahl derer, die gefährdet sind, seelisch zu erkranken, ist ungleich höher.

Was tun? Ungeachtet aller Maßnahmen, die auf therapeutischer und gesellschaftlicher Ebene angezeigt erscheinen, sollte meines Erachtens auch eine Grundfrage nachdenklich stimmen: Wissen wir bislang nicht viel zu wenig über jenen geheimnisvollen Bereich des Menschseins, in dem all diese seelischen Störungen keimen? Was ist die „Psyche“, also die Seele überhaupt? Des Menschen innerstes „Ich“? Sein Bewußtsein?

Diese Grundfragen werden in unserem Alltagsleben – aber auch in der Wissenschaft – gerne ausgeklammert. Selbst die Psychiatrie kann das Wesen dessen, was sie behandelt, nicht wirklich klar beschreiben; man kennt seelische Auswirkungen, nicht aber die Seele selbst.

Das also ist unsere Ausgangslage im 21. Jahrhundert: Wir leben in einer hochtechnisierten Welt mit beeindruckenden zivilisatorischen Errungenschaften, in einer Gesellschaft, die zum Mars fliegt und Gene manipuliert, künstliche Welten erschafft und Köpfe transplantiert1, aber deren Innenwelt krank und unbekannt ist. Über uns selbst wissen wir immer noch so gut wie nichts. Fragen nach dem Ich werden als eine Angelegenheit für Therapeuten oder Philosophen betrachtet. Und Gedanken zum eigenen Bewußtsein mögen zwar als Farbtupfer im intellektuellen Alltagsgrau willkommen sein, gelten im übrigen aber eher als Spielwiese für hintersinnige Theoretiker, sei’s drum auch für Theologen.

Besinnung auf das eigene Innere

Dabei müßte man angesichts der heutigen seelischen Gesamtbefindlichkeit unserer Gesellschaft annehmen, daß dem Menschen nichts wichtiger wäre, als sich selbst zu verstehen. Denn – einmal abgesehen von den Statistiken, die seelische Erkrankungen ja schon fast epidemiehaft beschreiben: wer spürt in unserer techniknahen, aber lebensfernen Gesellschaft nicht die Gefahr, zum passiv dahintölpelnden, kritikunfähigen Mitläufer zu degenerieren? Die Schwierigkeit, den zunehmenden Druck von außen nicht mehr durch einen entsprechenden inneren Gegendruck ausgleichen zu können? Wie weit verbreitet sind Persönlichkeitsstörungen, Ich-Schwächen, Gefühle innerer Unzulänglichkeit!

In der Selbst-Erkenntnis liegt die wunderbarste, einfachste und natürlichste Lebenshilfe, die man sich wünschen kann.

Sollte die Erforschung und Förderung unserer Innenwelt nicht das vornehmste aller Ziele sein? Eine edle Kunst, welche die persönliche Lebensqualität ja ebenso beeinflußt wie letztlich die Gesamtbefindlichkeit der Menschheit?

Leider aber ist in unserer lustbewußten Konsum- und Unterhaltungsgesellschaft kaum etwas zu entdecken, das unserem Inneren wirklich förderlich wäre. Im Streben nach Geld und Gut, Einfluß und Macht dümpelt man ohne höhere Zielsetzungen dahin und beäugt jedes sinnorientierte Ideal mit Skepsis – als wäre es ein exotisches Übrigbleibsel aus längst verwehten Zeiten.

Das seelische Ödland, das wir heute durchwandern, läßt sich künstlich nicht beleben: Auch wenn Hunderte Fernsehsender, ungezählte Radiostationen, Freizeitparks oder Shopping-Paradiese rund um die Uhr für grellbunte Bilderwelten sorgen, die uns animieren, berauschen, befriedigen und vor allzu ernstem Nachdenken bewahren sollen, macht sich in immer mehr Menschen eine bodenlose Traurigkeit breit. Die Kluft zwischen dem lautstarken Treiben der Außenwelt und den verdrängten Bedürfnissen der Innenwelt ist kaum noch überbrückbar, und die verbreiteten „seelischen Verstimmungen“ führen zunehmend zum Griff nach Psychopharmaka.

Diese Entwicklung macht leider auch vor Kindern nicht halt. Weil bei immer mehr Schülern Aufmerksamkeits- beziehungsweise Verhaltensstörungen diagnostiziert werden – es dürften bereits zehn bis zwölf Prozent aller Buben im Alter zwischen 6 und 14 betroffen sein –, werden Psychodrogen immer häufiger eingesetzt. Man rechnet damit, daß in Deutschland jährlich etwa zehn Millionen Tagesdosen an Kinder und Jugendliche bis 18 verabreicht werden!

Seelische Krisen gelten als lästige Störungen im gewohnten Alltagsgetriebe, als Hemmnis, das sich unseren eigenen Zielen und Wunschvorstellungen entgegenstellt. Natürlich sind sie das. Aber sie sind vor allem auch ein kräftiger Anstoß zum Überdenken der eigenen Lebenssituation. Denn ahnen wir nicht alle, daß wir unseres eigenen Glückes Schmied sein könnten, wenn wir uns richtig verhielten, wenn wir auf unserem Ritt durch das Leben nicht die Zügel aus den Händen verloren hätten?

Seelisch schwierige Situationen sind immer eine Anregung dafür, nachzudenken über sich selbst, nach Änderungsmöglichkeiten zu suchen, sich der Hilfen zu besinnen, die in unseren eigenen Gedanken, Gefühlen und Empfindungen liegen. Denn aus der „Selbst-Erkenntnis“ – im umfassenden Sinn dieses Wortes –, also dem Bewußtwerden über unsere menschlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten, ergibt sich die wunderbarste, einfachste und natürlichste Lebenshilfe, die man sich nur wünschen kann, eine Chance zur Neugestaltung des eigenen Schicksals, das – wie wir noch sehen werden – ganz zu Unrecht als vorherbestimmt oder willkürlich waltend gilt.2

Natürlich kann es in schwierigen seelischen Krisensituationen notwendig sein, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, denn nicht jedes Problem kann man alleine meistern. Maßgeblich aber bleibt der Wille, das eigene Leben wieder in die Hand zu nehmen und nicht von äußeren Umständen und dem Können anderer abhängig zu machen. Gerade die eigene Passivität fördert ja jenen Leidenszustand, den man als schicksalhaft beklagt. Ohne bewußte Selbstverantwortung ist kein seelisch-geistiger Fortschritt möglich. Es reicht nicht, das eigene „Lebensprogramm“ automatengleich abzuspulen, ohne Ader für Selbstreflexion oder Sinnfindung. Denn das Wesen unseres Menschseins verlangtnach bewußtem Handeln. Durch alles, was wir denken und tun, wirken wir ja machtvoll hinein in die Welt – und die Welt wirkt auch wieder auf uns zurück, beglückend oder belastend. Diesem Wechselspiel sind wir unentrinnbar unterworfen, und nur durch bewußtes Handeln können wir es zu unseren Gunsten lenken.

Bewußtsein hängt indes mit Wissen zusammen, mit dem Erkennen von Zusammenhängen und Möglichkeiten. Unsere unsichtbare Innenwelt birgt alle Schlüssel für ein freies, glückliches Leben – doch müssen wir sie finden und benützen lernen.

Stürzen wir uns also hinein in die faszinierenden Grundfragen des Menschseins: Warum gibt es überhaupt eine Innenwelt? Woher kommen die Gedankenbilder in uns, die oft im Widerstreit liegenden „inneren Stimmen“ – hier die edelmütig um Selbstüberwindung bemühte, dort die nach Lust und Vorteil strebende? Woher stammen die Ahnungen, Hoffnungen und Empfindungen, die Sehnsüchte und Enttäuschungen, die unseren Alltag überhaupt erst mit Leben erfüllen?

Nachdenken über sich selbst

Vielleicht kennen Sie sich selbst aus „verträumten“ Momenten als stillen Beobachter der Welt: Man befindet sich irgendwo am Rande einer angeregt schwatzenden Menschenmenge, beispielsweise in einem Gasthaus, sieht und hört den mit Feuereifer geführten Diskussionen zu, erlebt sich selbst aber als deutlich vom Geschehen abgetrenntes Etwas – als bewußtes Ich, das staunend beobachtet, was um es herum geschieht, das aber auch um seine eigene Erlebnisfähigkeit weiß.

Woher stammt dieses Ich-Bewußtsein? Woher kommt das unbegreifliche Etwas, das uns die Welt – und auch uns selbst – erleben läßt? Das Ich, das sich einerseits Tag für Tag zu verändern scheint – und andererseits in seinem sonderbaren Eigenleben doch unberührt verbleibt von den Wachstums- und Alterungsprozessen des Körpers?

Wohl jeder Mensch hegt dann und wann den Wunsch, Antworten auf die großen Ur-Fragen des Menschseins zu finden, aber eine solche Suche wird meist von Beginn an überschattet vom Gedanken, darauf ließen sich ja doch keine schlüssigen Antworten finden. Haben nicht schon so viele Gelehrte erfolglos darüber nachgegrübelt? Mündet nicht gerade das verkrampfte Denken und Nachgrübeln in eine Sackgasse?

Die Bereitschaft, über sich selbst nachzudenken, ist natürlich eine unverzichtbare Voraussetzung auf dem Weg zur Selbsterkenntnis. Aber neben dieser noblen Verstandestätigkeit, die ja immer ein bißchen zum Abgehoben-Theoretischen neigt, sollten wir noch ein weiteres Erkenntnisfundament benützen, das dem Ich noch unmittelbarer verbunden ist: unsere Erlebnisfähigkeit.

Bei sich selbst sein

Vielleicht erinnern Sie sich an Situationen in Ihrem eigenen Leben, in denen Sie sich noch weiter aus den Alltagsgegebenheiten herausgehoben gefühlt und Ihr eigenes Ich dabei noch tiefer erlebt haben als in Momenten gedanklicher Selbstbesinnung. Mit herausgehoben meine ich dabei keinen ins Weltfremde entrückten oder in spirituellen Fanatismus verstiegenen Zustand, keine Irritation durch besondere emotionale Erlebnisse und auch keinen Sinnenrausch, wie er sich kurzfristig einstellen mag, wenn man dem Trieb- und Lustprinzip keine Grenze setzt. Nein,herausgehoben in einer ganz unspektakulären, doch um so bewußteren Art und Weise: die Gedanken … in einfachen, klaren Bahnen; die Gefühle … in ruhiger, gesunder Harmonie; die Empfindungen … ja, der wunderschöne, leider schon fast vergessene Begriff drückt es treffend aus: rein!

Wahrscheinlich erlebt jeder Mensch Momente oder Zeitspannen, die ihn die Tiefe seiner selbst erfahren oder doch wenigstens erahnen lassen, die Tatsache also, daß da jenseits des kleinen Alltags-Egos etwas Umfassenderes ist; glückliche Augenblicke der Verinnerlichung, ihm die Gewißheit schenkend, einer unergründlichen Quelle stiller, erhabener Kraft verbunden zu sein, einem lebensdurchpulsten, friedvollen, heimatlichen Urgrund des Ichs.

Die wertvollen Erfahrungen des Bei-sich-selbst-Seins bleiben als Lichtblicke in der Lebenserinnerung.

Die meisten solcher Erfahrungen aus einem seelischen Durchatmen verklingen rasch im betäubenden Lärm der Außenwelt, und für viele mag davon nichts weiter zurückbleiben als ein kleiner Lichtblick in der Lebenserinnerung, ein Sehnsuchtsfünkchen, das dann und wann das Gemüt durchglüht, über das man sich im Regelfall jedoch in Schweigen hüllt, denn derlei Themen sind allgemein nur sehr beschränkt gesellschaftstauglich. Zu leicht werden sie als romantische Wallung, wenn nicht gar als Krankheitsbild mißdeutet.

Dabei sind diese bewußten Erfahrungen eines Bei-sich-selbst-Seins so wertvoll! Es geht ja nicht nur darum, forschend über Zusammenhängenachzudenken. Die Fragen „Was ist Geist? Bewußtsein? Was ist das Ich?“ berühren ja auch unsere Erlebnisfähigkeit. Der zart leuchtende Regenbogen, der das durchfeuchtete Land mit neuer Sonne verbindet, der nächtliche Sternschnuppenregen oder die schneebedeckten, in üppigen Morgenfarben glühenden Alpengipfel – was immer uns seelisch anrührt und aufwühlt, es hängt an starken Gefühlen und Empfindungen, nicht etwa nur an nüchternen Gedanken.

Wir Menschen können viel mehr als über uns selbst nachzudenken. Wir haben die beglückende Fähigkeit, das Dasein bewußt zu erleben – die Schönheiten der Natur, die Liebe zu einem Mitmenschen, die Kraft eines künstlerischen Meisterwerks … Unsere Erlebnisfähigkeit macht das Leben so lebenswert, und ihr ist auch unser Bewußtsein verbunden. Sie zu verlieren, also als bewußte Persönlichkeit nicht mehr zu sein – in diesem Gedanken wurzelt unsere Todesangst, ihn fürchten, verdrängen, tabuisieren wir.

Die Suche nach dem Ich, nach unserem Wesenskern führt also geradewegs zur tiefsten Existenzfrage überhaupt: Leben wir als Persönlichkeit nach dem körperlichen Tod weiter? Und wie entstand das bewußte Ich? Woher kommen wir – geistig betrachtet? An diesen Fragen wird unsere „Expedition Innenwelt“ nicht vorbeiführen.

Die Suche nach dem Ich führt zur tiefsten Existenzfrage: Leben wir als Persönlichkeit nach dem körperlichen Tod weiter?

Halten wir aber vorerst nochmals fest: Das menschliche Bewußtsein ist geprägt durch die Fähigkeiten des Erlebens und des Nachdenkens darüber. Beides spielt zusammen, berührt letztlich aber, wie wir später sehen werden, unterschiedliche Ebenen unseres Menschseins.

Spontane Lebenserfahrungen bewegen sich – soviel sei an dieser Stelle vorweggenommen – in einem viel weiteren, ja, immateriellen Rahmen. Denkprozesse dagegen bleiben physisch eher faßbar. Sie sind Gegenstand der Hirnforschung. Selbsterfahrungs-Erlebnisse dagegen werden üblicherweise eher dem Bereich des Religiös-Mystischen zugeordnet, obwohl sie eigentlich nichts anderes als empfindungsstarke Höhepunkte unserer allgemeinen Erlebnisfähigkeit sind. ...