Buddha – Leben und Wirken des Wegbereiters in Indien (E-Book)

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Beschreibung

Details

Leben und Wirken des Wegbereiters in Indien. Blutige Kriegswirren bringen den jungen Fürsten Siddharta um den Thron und stoßen ihn unerkannt in die unterste Kaste der „Parias“, der Bettler. Im Dienste verschiedener „Herren“ arbeitet er sich jedoch von Kaste zu Kaste empor. Dabei gewinnt er Verständnis für die Menschen und erkennt die Tiere als Mitgeschöpfe, von denen keines „verächtlich“ ist. Ständig bedrängt ihn die Frage nach dem Sinn des Lebens, die zugleich die Frage nach der Gottheit bedeutet. Dabei erkennt er die „Götter“ als Diener eines Höchsten, der noch über Brahma steht. Er nennt ihn den „Ewigen“, dessen Gesetze überall in der Schöpfung wirken und denen die Kreatur Mensch verpflichtet ist. Eine Vision weist ihm die Berufung, durch sein Wissen seinem Volke zu helfen. Siddharta-Buddha lehrt viele Menschen, sich von träger Schicksalsergebenheit zu tätigem Bewußtsein zu befreien. Buddhas Lehre verbreitet sich zunehmend, und er schafft auf dem „Berge des Ewigen“ einen Ausgangspunkt, von wo aus er überall im Lande Klöster einrichten läßt. Er kündet sein Wissen auch den Frauen, denen er Gleichstellung mit den Männern verschafft. In seinen beiden Söhnen findet Siddharta-Buddha treue Helfer, und ein Enkel reift zum Nachfolger heran, dem als Gautama-Buddha weiterführende Erkenntnis zuteil wird.
Zusatzinformation
ISBN 978-3-87860-514-0
Ausführung .epub, .mobi (ohne Kopierschutz/DRM)
Sprache Deutsch
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BUDDHA

IN DEM Palast zu Kapilawastu herrschte reges Leben. Der Fürst wurde von einem Jagdzug zurückerwartet.
Zehn Tage lang war er bereits fern, er, der der Mittelpunkt der Seinen, des Hofes und des Reiches war. Was konnte ihm inzwischen zugestoßen sein? So lange hatte seine Abwesenheit noch nie gewährt.
»Wann kommt der Vater?« hatte der kleine Rahula unzählige Male des Tages gefragt, sich bald an die Knie seiner Mutter, bald in die Arme seiner Amme schmiegend.
Sie wußten ihm beide keine Antwort zu geben und beschwichtigten ihn mit allerhand Leckereien. Die Mutter aber, die schöne Fürstin Maja, trat immer öfter an die hohen Öffnungen, von denen man in das Tal hinabschauen konnte.
»Siddharta, warum bleibst Du so lange fort?« klagte sie.
Aber die Rufe und Klagen brachten den Gatten nicht zurück, ebenso wenig die Tränen, die unaufhaltsam flossen, als Tag um Tag ohne Nachricht verstrich.
Maja hatte ihr Haupt mit den langen, blauschwarz schimmernden Flechten in weiße Schleier gehüllt und weigerte sich, Speise zu sich zu nehmen. Die alte Amme aber schalt:
»Du darfst den Mut nicht sinken lassen, Fürstin, meine Blume! Lege den Witwenschleier ab. Noch ist es nicht Zeit, ihn zu tragen.«
Watha warf sich der Herrin, der sie vom ersten Lebenstage an gedient hatte, zu Füßen und bat sie, Nahrung aufzunehmen.
Da ertönten freudige Rufe und heller Hörnerklang. Gongs wurden geschlagen. Die lauschenden Frauen konnten nicht im Zweifel sein: Der Fürst kam zurück!
Eilig lief Maja an ihren Auslug, aber sie sah nur einen stattlichen Troß in den Hof des Palastes einreiten. Da eilte auch schon Kapila, der alte, getreue Diener, herbei, kreuzte die Arme über der Brust, verneigte sich tief und berichtete:
»Der Fürst trifft noch vor dem Sinken der Sonne ein. Er hat die Jagdbeute und einen Teil des Trosses vorausgesandt, weil er selbst auf einem Umweg heimkehrt.«
Und nun begann ein geschäftiges Treiben im Palast. Die Beute wurde abgeladen, betrachtet, besprochen. Reittiere und Jagdvögel wurden in ihre Ställe gebracht. Das alles ging nicht ohne Schwatzen ab. Man hatte sich so viel zu berichten, nachdem man mehr als zehn Tage getrennt gewesen war. Daneben galt es, alles zum Empfang des Fürsten aufs schönste zu richten. Der ganze Palast sollte strahlen!
Schön war er, dieser Palast, märchenhaft schön, ganz aus weißen Steinen. Auf einem der Vorberge des schroffen, schneebedeckten Gebirgszuges, den sie den Himalaya nannten, erbaut, schaute er weit über das Tal, in dessen fruchtbarer Ebene der große Strom seine Wellen dem fernen Meere zutrug.
Weithin sichtbar war dieses weiße Schloß, das sich von dem dunklen, fast düsteren Hintergrund licht abhob. Es lag inmitten sorgsam gepflegter Gärten. Große Blumen wanden sich um hohe Bäume, rankten von Krone zu Krone und bildeten so Tore, durch die man – von Wohlgeruch umhüllt – hindurchschreiten konnte.
Köstliche Früchte gediehen in diesen Gärten. Die Wachsamkeit einer großen Dienerschar hielt giftige Schlangen oder schädliche Kleintiere fern.
Seit grauen Zeiten war der Palast die Heimat des Fürstengeschlechtes der Tschakja gewesen, dem die Herrschaft über die herrlichen Gangesebenen bis weit hinein ins Himalaya-Gebirge gehörte. Wohlstand und Glück hatten die Tschakja-Fürsten, die sich gern Gautama nannten, allezeit begleitet. Wohlstand hatte sich in Reichtum, Glück in irdische Seligkeit verwandelt unter den Händen des jetzigen Fürsten, des von allen geliebten Siddharta.
Das Schmettern der Vögel war in zartes Singen übergegangen, als der Zug nahte. Auf kleinen, flinken Pferden sprengten Leibdiener in weißen, flatternden Gewändern voran. Bunte Schärpen hatten sie um den Leib geschlungen, ihre weißen Kopftücher waren kunstvoll gelegt und reich geschmückt. Schon an den Dienern sah man, wie reich der Fürst war.
Danach nahte sich mächtigen Schrittes der große Elefant, von dem sich Siddharta gern tragen ließ. Über dem prächtigen roten Sattel erhob sich ein goldener Baldachin, der den Fürsten vor den Strahlen der Sonne schützen sollte. Jetzt spielte das Licht des scheidenden Tagesgestirns auf den goldenen Verzierungen und ließ sie aufleuchten und blitzen.
Hinter dem Elefanten tänzelte das weiße Roß des Fürsten. Es war ein selten schönes Tier aus fernen Landen. Silberweiß schimmerten die Mähne und der lange, buschige Schweif.
Danach kamen auf Pferden die Begleiter und schließlich die Waffenträger, die grüne Schärpen trugen und grüne Tücher in die weißen Turbane geflochten hatten.
Näher und näher kam der Zug. Maja konnte nun alles deutlich unterscheiden und eilte dem Gatten entgegen. Von der anderen Seite stürmte Prinz Rahula herbei, der der Amme entlaufen war, die ihm atemlos folgte.
Trotz größter Eile aber kamen sie alle erst an das hohe, vergoldete Palastportal, als der Fürst über die Rücken hockender und kniender Diener vom Elefanten herabgestiegen war. Fröhlich trat er den Seinen entgegen.
Er war ein noch junger Mann mit einer zur Fülle neigenden Gestalt, etwas über mittelgroß, mit schönen Zügen. Die langen Haare fielen ihm leicht gelockt auf die Schultern, ein dunkler Bart sproß auf den Wangen und hob die Blässe des Antlitzes doppelt hervor.
Lange, schmale Hände streckte er den Seinen entgegen und rief ihnen frohe Worte der Begrüßung und Liebkosung zu.
Diener empfingen ihn und geleiteten ihn in einen Raum, in dem duftendes Wasser in einer mit Platten aus kostbarem Gestein ausgelegten Vertiefung des Bodens plätscherte. Nach dem Bade wurde sein Körper gesalbt.
Auf kostbaren Decken hingestreckt, nahm er seine Mahlzeit ein und begab sich dann in den Garten zu Frau und Kind, die er auf Teppichen unter hohen, schattenspendenden Bäumen fand.
Nun erst erzählte er von der Jagd, die viel Wild, aber auch einen Tiger und zwei große Leoparden als Beute gebracht hatte.
»Eines der Felle soll das Ruhebett Rahulas zieren«, verhieß er dem Kleinen. Aber der Knabe schüttelte den Kopf:
»Rahula mag nichts, was andere erlegt haben. Er wird sich bald sein Fell selber erbeuten.«
Der Vater lachte.
»Der Knabe ist anders geartet als ich. In seinem Alter dachte ich noch nicht an künftige Anstrengungen, sondern nahm, was die Diener mir brachten und mein Vater mir zuwies. Ich bin neugierig, wie er sich entwickeln wird. Ich glaube, er macht sich nicht einmal etwas aus aller Pracht, die ihn umgibt.«
Das bestätigte Maja und fügte hinzu:
»Er ist viel ernster als andere Kinder seines Alters. Vielleicht wird er ein Gelehrter.«
Der Kleine war über die reich blühenden Beete einem Gebüsch zugelaufen. Die Eltern hatten in ihrer Zwiesprache nicht mehr auf ihn geachtet. Nun kam er schleppenden Schrittes, mit tränenüberströmtem Gesichtchen zu ihnen zurück, warf sich neben dem Vater zu Boden und brach in heftiges Schluchzen aus.
Die besorgten Fragen der Mutter nach der Ursache seines Kummers ließ er unbeantwortet; nur langsam beruhigte er sich. Dann hob er das Köpfchen und fragte ernsthaft:
»Warum darf es sein, daß die große Schlange ein Singvögelein frißt? Es hat so lieblich gesungen. Da kam sie und ... oh ...
Maja sprang entsetzt auf und klatschte in die Hände, um Dienerschaft herbeizurufen.
»Eine Schlange! Eine große, giftige Schlange ist im Garten! Wir können nicht hierbleiben!« rief sie den Herbeieilenden entgegen.
Fürst Siddharta beruhigte sie:
»Laß die Leute suchen, meine Blume. Uns wird hier nichts geschehen.«
Dann wandte er sich zu seinem kleinen Sohn, dessen Augen noch immer fragend auf ihn gerichtet waren, und sagte leichthin:
»Die Schlange wird Hunger gehabt haben. Sie will fressen und satt werden.«
»So soll sie andere Tiere nehmen, Mäuse und Ratten«, sagte das Kind mit Nachdruck. »Warum tut sie überhaupt Menschen und Tieren etwas zuleide?«
Der Fürst überlegte einen Augenblick. Was sollte er dem Kinde sagen?
»Die Schlange ist die Gefährtin Wischnus. Weißt Du, wer Wischnu ist?«
»Ja, das weiß ich«, sagte Rahula stolz. »Das hat Watha mir gesagt. Wischnu ist ein böser, dunkler Gott, der alles Lebende haßt.«
»Weiß mein Sohn denn auch, wie der lichte Gott heißt, der die ganze Schöpfung liebt?« fragte der Vater zärtlich, des Kindes Locken aus dem erhitzten Gesicht streichend.
»Der gute Gott heißt Schiwa. Aber es gibt noch einen. Watha sagt, er steht über beiden und verbindet sie. Kann man Gut und Böse verbinden? Ist er ein wenig gut und ein wenig böse?«
»Du willst viel auf einmal wissen. Die Menschen sagen, über Schiwa und Wischnu stehe Brahma. Vielleicht hörst Du später mehr von ihm.«
Rahula war nicht zufrieden mit der Antwort, aber er erhielt keine andere. Watha kam und holte ihn in den Palast. Statt seiner aber griff nun Maja die Frage des Kindes auf:
»Wer ist Brahma?« fragte sie nachdenklich. »Du sagtest so eigenartig: die Menschen sagen. Sagst Du es nicht? Glaubst Du nicht an Brahma?«
»Nein, Maja, ich glaube nicht an ihn«, war die überraschende Antwort. »Brahma ist ein Begriff, den die Weisen, die Gelehrten sich erdacht haben, um dem Volk das erklären zu können, was es sonst nicht verstehen würde. Wenn das Volk glaubt, daß ein oberster Gott die Fäden der Weltregierung in seinen zwanzig Händen hält, so fragt es nicht weiter, warum den einen dieses Geschick trifft und den anderen jenes.«
Mit Augen, die die Umgebung nicht zu erfassen schienen, schaute er ins Weite.
Maja aber war erschrocken. Sie hatte bisher fest an Brahma geglaubt. Und nun warf ihr Gatte, der ihr als das Höchste an Weisheit und Güte erschien, das Götterbild mit wenigen Worten in den Staub. Sie konnte sich nicht damit zufriedengeben.
»Siddharta, glaubst Du auch nicht an Schiwa und Wischnu?«
Einen Augenblick zögerte der Gefragte, dann wandte er das Antlitz seinem Weibe zu. Ein Ausdruck des Verstehens trat in seine Augen. Plötzlich wußte er, daß er der kindergleichen Seele den festen Halt nahm, wenn er die Wahrheit sagte:
»Doch, Maja, ich glaube an sie, wenn auch vielleicht ein wenig anders als Du.«
Sie atmete auf.
»Und an Brahma glaubst Du wirklich gar nicht?«
»Ich kann nur sagen, ich habe ihn nicht gefunden, aber ich habe ihn auch noch nie gesucht. Bist Du nun zufrieden, kleine Blume? Hebe das schöne Köpfchen und grüble nicht mehr. Singe lieber.«
Lächelnd gab Maja sich zufrieden. Sie nahm das neben ihr liegende kleine Saiteninstrument und sang zu dessen Klängen ein Liedchen. Und der Fürst, der sich ausgestreckt hatte und in die tiefe Bläue des Himmels emporschaute, dünkte sich der glücklichste aller Menschen.

EINIGE Jahre waren in ungetrübtem Glück vergangen. Ein zweiter Knabe, nach dem Großvater Suddhodana genannt, spielte um die frohen Eltern. Rahula liebte sein Brüderchen und versuchte ihm zuliebe, sich an seinen wilden Spielen zu beteiligen; aber sonst war er wohl noch nachdenklicher geworden.
Sobald er den Vater zum Erzählen aufgelegt fand, bestürmte er ihn mit Fragen und der Bitte, ihm aus seiner Jugend oder aus der Vergangenheit ihres Geschlechtes zu erzählen. Auch heute hatte er den Vater so lange gedrängt, bis dieser einwilligte.
»Brüderchen heißt nach Großvater. Das war Dein Vater? Von Fürst Suddhodana spricht das Volk mit Ehrfurcht. Aber von Großmutter weiß ich nichts. War sie so schön wie unsere Mutter?«
»Sie hieß auch Maja und war ebenso schön. Sie entstammte einem Fürstengeschlecht von jenseits des Himalaya. Ich habe sie nie gesehen; denn wenige Tage nach meiner Geburt starb sie.
»Dann hattest Du keine Mutter mehr! Wer hat Dich betreut?«
»Der alte, treue Diener Kapila, der aber damals noch nicht alt war, und sein Weib Kusi. Mein Vater hatte keine Zeit für mich, denn die Nachbarn machten ihm viel zu schaffen. Sie wollten ihm seinen Besitz streitig machen, und er mußte immer wieder mit seinen Kriegern ausziehen, sie von den Grenzen zu vertreiben. Ich aber entbehrte nichts. Die Treue der beiden umgab mich mit allem, dessen ein Kind bedarf.«
»Auch mit Liebe?« fragte Maja dazwischen.
Sie konnte sich nicht vorstellen, daß ein mutterloses Kind wirklich nichts entbehrte.
»Auch mit Liebe«, wiederholte der Fürst mit Nachdruck. »Je älter ich wurde, um so mehr lernte ich diese Liebe schätzen, die nicht aus natürlichen Banden entstanden ist, sondern aus einer Treue, die ihr Leben lassen kann, wenn es not tut. Das ist erst rechte Liebe. Mutterliebe empfinden auch die Tiere. Solche Liebe, wie sie meiner Kindheit und Jugend zuteil wurde, findet man nur bei hochstehenden Menschen.«
»Ist Kapila hochstehend? Er ist doch nur ein Diener?« wollte der Knabe wissen.
Der Fürst belehrte ihn, daß Kapila aus edlem Hause stamme, aber durch widrige Verhältnisse in Abhängigkeit gekommen sei.
»Heißt eigentlich unsere Stadt nach ihm Kapilawastu?« fragte der Knabe unermüdlich weiter.
»Nicht nach ihm, wohl aber nach seinen Vorfahren, die diese Stadt einst erbauten«, gab der Vater zurück.
»Haben Namen immer etwas zu bedeuten?« war des Knaben nächste Frage. »Warum habt Ihr mich Rahula genannt? Das klingt fast wie ›der Angelobte‹. Wem habt Ihr mich angelobt?«
»Du verdankst Deinen Namen einem weisen Mann, mein Sohn, der des Weges kam und bei uns einkehrte am Tage, als Du geboren wurdest. Er bat mich, Dir diesen Namen zu geben. Du würdest die Bedeutung später erkennen. Sieh, ich heiße Siddharta, das ist einer, der sein Ziel erreicht hat. Jetzt paßt mein Name noch nicht für mich, aber später einmal werde ich mein Ziel erreichen, dann wird auch der Name erfüllt sein.«
»Warum nennen wir uns Gautama? Das hat gar keinen verständlichen Sinn!«
»Dieser Beiname stammt aus uralter Zeit und soll von einem Sänger übernommen sein, der unserem Geschlecht entstammte. Daher benützen wir seinen Namen.«
Rahula hätte noch mehr gefragt, aber der Vater wollte ausreiten, und vor dem Tore harrte das weiße Roß.
Maja blickte dem davonsprengenden Gatten nach. Schon seit Wochen lag eine ihr selbst unerklärliche Traurigkeit über ihrer Seele. Sie schalt sich, hatte sie doch alles, was sie nur wünschen konnte. Aber bange Ahnungen bedrückten sie, als werde ihr Glück nicht mehr von langer Dauer sein.
Ihr gläubig frommer Sinn hatte sich durch des Gatten Ausspruch über die Götter nicht beirren lassen. Sie hatte ihn nie mehr danach gefragt, dafür aber um so inniger ihre Gebete aufsteigen lassen und ihre Opfergaben gebracht. Und über Schiwa und Wischnu hinaus waren ihre Empfindungen emporgeströmt zu Brahma, an dessen Allmacht und Größe, Güte und Liebe sie fest glaubte.
Wie oft hatte sie sie erfahren dürfen! Oftmals, wenn sie sich in irgendeiner äußeren oder inneren Not, die auch in ihrem vom Glücke begünstigten Leben nicht ganz ausblieb, in heißem Flehen an die Gottheit gewandt, hatte sie Antwort erhalten. Entweder ging ihre Bitte in Erfüllung, oder leise Stimmen raunten ihr zu auszuharren oder gaben ihr einen Ausweg an.
Seit kurzem aber hatte sie einen Freund, der ihr als Helfer gesandt worden war, davon war sie fest überzeugt. Sobald sie im Garten allein saß, gesellte sich ihr ein kleines uraltes Männchen, welches nur sie sah.
Er war wie ein Brahmane gekleidet und schien auch das Wissen eines solchen zu besitzen. Mit ihm konnte sie alles besprechen, was ihr durch Kopf und Seele ging. Sie war stets sicher, freundlichen Rat und weise Belehrung zu erhalten. Er hatte ihr aber verboten, mit irgendeinem Menschen über ihn zu sprechen. Traten andere zu ihr, so verschwand er. Aber es hätte dessen kaum bedurft; denn die anderen sahen ihn nicht.
Auch heute stand Maja nicht lange allein. Leises Lachen ließ sie aus ihrem Sinnen aufschauen. Der Alte saß vor ihr auf der Brüstung des Fensters. Noch nie hatte er sich im Palast gezeigt. Freundlich redete er sie an und fragte nach der Ursache ihrer Bedrückung.
»Ich weiß selber nicht, warum ich bange«, antwortete sie. »Mir ist angst vor der Zukunft, trotzdem ich mir wieder und wieder sage, daß wir nichts zu befürchten haben.«
»Deine Angst hat Grund, Fürstin«, sagte der Kleine ernst. »Zu sorglos ist Dein Gemahl. Er hat den mächtigen Nachbarfürsten schwer erzürnt, aber statt auf die Warnungen seiner Räte zu hören, lacht er darüber. Statt seine Krieger aufzubieten und die Grenze zu sichern, reitet er in die Wälder. Ich habe Auftrag, Dich zu warnen. Packe Deine Kostbarkeiten, Juwelen, Schmuck und auch Kleider zusammen. Mache mehrere Bündel daraus und lege sie bereit, damit Du mit Deinen Söhnen und Kapila fliehen kannst, sobald es nötig wird.«
Die Fürstin war tief erschrocken.
»Erlaube mir, daß ich dem Fürsten Deine Warnung mitteile«, flehte sie. »Vielleicht läßt sich das über uns hängende Geschick noch aufhalten!«
»Du darfst es ihm sagen, sobald Du ihn siehst. Inzwischen aber mache alles bereit. Heute abend noch muß alles fertig sein. Jetzt aber komm mit mir. Ich will Dir einen geheimen Gang zeigen, der aus dem Palast weit hinaus ins Gebirge führt. Niemand kennt ihn mehr. Du sollst ihn mit Deinen Söhnen benützen.«
»Darf Watha uns nicht begleiten? Von ihr sagtest Du nichts.«
Der Alte wiegte das eisgraue Haupt.
»Sie ist zu alt«, sagte er dann. »Sie wird nicht zu leiden haben, wenn Du sie zurückläßt.«
»Und mein Gatte? Wenn das Unglück nicht mehr abzuwenden sein sollte, muß ich ihn verlassen? Darf er sich nicht mit uns durch den geheimen Gang retten?«
»Du mußt ihn verlassen um Deiner Söhne willen, die die Mutter brauchen. Das Leben aber braucht Deine Söhne. Sie müssen erhalten bleiben. Der Fürst jedoch muß durch Entbehren das lernen, was er heute noch nicht weiß: daß über ihm ein ewiger Gott lebt. Bete für ihn, daß er bald die rechte Weisheit finde! Und nun komm mit!«
Unzählige Stufen abwärts führte der Alte die wie im Traum folgende Frau. Sie schauerte, als sie in Gewölbe trat, die sie nie gesehen hatte.
Endlich kamen sie in eine kleine Kammer, die weder Fenster noch Türen hatte. Neben einem Haufen geschichteter Steine, die wie zufällig dort liegengelassen worden waren, zeigte der Kleine auf einen Mauervorsprung. Maja griff danach, und knarrend wich ein Stück Mauerwerk zur Seite, groß genug, um einen Menschen durchschlüpfen zu lassen. Der Alte wies auf ein Bündel Fackeln, das in der Wand steckte.
»Hier ist der Eingang. Vergiß nicht, Feuer mitzunehmen, damit Du leuchten kannst. Geht getrost hinein. Der Weg ist sicher und führt so weit ins Gebirge, daß kein Feind Euch finden wird. Nun merke Dir den Rückweg, damit Du im Falle der Not diese Zuflucht finden kannst.«
Als die Fürstin wieder in ihrem Gemach angelangt war, flehte sie zu Brahma, er möge ihr helfen, stark zu sein. Sie wußte nun ganz genau, daß Schlimmes bevorstand und daß es unabwendbar war. Danach machte sie sich ans Zusammenpacken.
Als sie damit fertig war, verzehrte die innere Unruhe sie so sehr, daß sie nach Betätigung suchte. Eines der Bündel nach dem anderen schleppte sie über die vielen Stufen hinunter, wobei sie sich den Weg immer besser einprägte. Nun war das letzte unten abgelegt. Fürst Siddharta aber war noch nicht heimgekehrt. Ob er sich verirrt hatte, ob ihm etwas zugestoßen war?
Als die Zeit der Nachtruhe gekommen war, ließ die Fürstin die Knaben ihr Lager aufsuchen. Sie selbst mochte nicht an Schlaf denken. Angekleidet setzte sie sich zu den schlummernden Knaben und betete.
Dann aber mußte sie wohl doch eingeschlafen sein. Unbeschreiblicher Lärm ließ sie jäh emporfahren. Taghell war das Gemach erleuchtet, aber die Helle kam von draußen. Das Getöse aneinanderschlagender Waffen erscholl, Schmerzensschreie übertönten die Zurufe der Männer. Ehe sie klar wußte, was geschehen war, stürzte Kapila ins Gemach:
»Fürstin, rette Dich und die Kinder! Stadt und Palast sind in Feindeshand!«
»Wo ist der Fürst?«
»Wir wissen es nicht! Er kehrte von seinem Ausritt nicht zurück, ebensowenig seine Begleiter. Aber rette Dich. Sie stürmen schon die Gemächer!«
Maja nahm die erschreckten Knaben an die Hand, rief dem Getreuen zu, ihr zu folgen und eilte in die Gewölbe hinunter. Hallende, schwere Schritte auf den Stufen ließen sie nur noch rascher fliehen.
Der dunkle Raum war erreicht. Schnell öffnete sie die Mauertür, ließ die Knaben und Kapila eintreten und schloß sorgsam die Öffnung. Eine Fackel wurde entzündet, und durch einen sehr langen, gewundenen Gang kamen sie am Mittag des nächsten Tages ins Freie.
Wo der Gang endete, rieselte eine Gebirgsquelle. Daneben stand ein Gemäuer, das früher wohl die Behausung eines Berghirten gewesen sein mochte, ihnen jetzt aber Zuflucht gewähren konnte, trotzdem es etwas verfallen war.
Dankbar nahmen sie davon Besitz, ohne zu fragen, wo sie die notwendige Nahrung finden würden. Majas einziger klarer Gedanke war die Sorge um den fernen Gatten.

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