Was uns Goethe sagen wollte – Werkausgabe, Band 5

Richard Steinpach

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Dr. Richard Steinpach (1917–1992) war ein Meister darin, ganzheitliche Zusammenhänge mit Hilfe einfacher Alltags-Gleichnisse plausibel zu machen. Er hielt in den 1980er Jahren vielbeachtete Vorträge zu zentralen Lebensfragen im gesamten deutschsprachigen Raum und zählte über Jahrzehnte zu den wichtigsten Autoren des „Verlags der Stiftung Gralsbotschaft“. In der Werkausgabe „Sieh: die Wahrheit liegt so nahe“ sind seine wichtigsten schriftstellerischen Arbeiten zusammengefaßt. „Was uns Goethe sagen wollte“ ist Band 5 der Werkausgabe und enthält ein Gespräch über Goethes Faust: Wer immer strebend sich bemüht …

Zusatzinformation
Autor Richard Steinpach
ISBN 978-3-87860-227-9
Abmessungen 13.00 x 21.50 cm
Ausführung Halbleinen mit Einband
Umfang 176
Sprache Deutsch
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VORBEMERKUNG DES VERFASSERS

Zum Verständnis der nachfolgenden Gedankengänge ist es nicht erforderlich, Goethes »Faust« zu kennen; gehen Sie nur ohne Scheu an diese Ausführungen heran. Denn die Goethesche Dichtung bildet nicht den eigentlichen Gegenstand der Betrachtung, sondern die Wahrheit, die uns darin vermittelt wird. Diese Wahrheit spricht für sich allein und ist jedem aufgeschlossenen Menschen zugänglich. Sie aus dem Rahmen der Faust-Dichtungen herauszuheben, zu einem Weltbild zu ordnen und den Weg zu weitergehender Einsicht zu weisen, ist das Anliegen der folgenden Ausführungen.

Richard Steinpach

Anmerkung: Die Zitate aus Goethes »Faust« folgen dem Text der Ausgabe in Reclams Universalbibliothek Nr. 1 und Nr. 2 (Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart, 1993). Die in Klammern gesetzten Ziffern bei den Zitaten geben den jeweiligen Fundort des Zitats innerhalb der beiden »Faust-Gedichte« an.

 

DIE ZERSPLITTERTE WAHRHEIT

Goethes »Faust« gilt als das Drama des nach Erkenntnis verlangenden Menschen. Was wurde nicht alles darüber geschrieben: So viele Zitate sind uns geläufig, daß man schon glaubt, die Dichtung zu kennen und nicht mehr nach weiteren Schätzen sucht.
Auch ich war der Meinung, den »Faust« zu verstehen. Doch dann begann ich tiefer zu schürfen und stieß auf die verborgene Schicht eines inneren, neuen Zusammenhanges, der den Sinn der Tragödie viel deutlicher macht. Hier geht es nicht um ein Einzelschicksal; Goethe wollte, so will es mir scheinen, dem ernsthaft um Wahrheitsfindung Bemühten ein Weltbild und eine Wegweisung geben.
Dies aufzuzeigen ist deshalb nötig, weil immer wieder moderner Ungeist sich, durch Bearbeitung vieles entstellend, auch an der Goetheschen Dichtung vergreift.
Goethe ist, das steht außer Zweifel, ein wahrhaft begnadeter Dichter gewesen. Doch Gnaden müssen erworben werden durch Würdigkeit für ihren Empfang. So weist denn dieses Empfangen-Können die hohe geistige Reife aus, die Goethe zur Schauung des Wahren befähigt. Und sollten Sie selbst nach der Wahrheit suchen, so lassen Sie sich eine Wegstrecke führen und hören Sie sich seine Verse an …
Schon in der »Zueignung« sagt uns der Dichter:

»Und mich ergreift ein längst entwöhntes Sehnen
Nach jenem stillen, ernsten Geisterreich, […] (25 f.)

Was ich besitze, seh ich wie im Weiten,
Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.« (31 f.)

Klingt das nicht so, als kehrte hier jemand in höhere Welten des Geistes zurück, um bleibende Werte empfangen zu können? Wir wollen aus dieser erweiterten Schau die Verse der Dichtung zu deuten versuchen, denn vielfach werden uns geistige Bilder, die Irdisches weit überragen, gezeigt.
Goethe hat ja das Wesentliche ver-dichtet, aufs Knappste zusammengedrängt. So sind sogar manchmal schon einzelne Worte von einer geballten Aussagekraft.
Wie sehr wird allein das erhabene Reich des sich seiner selbst gewiß gewordenen Geistes durch die Beschreibung als »still und ernst« der albernen irdischen Schwatzsucht entrückt! Verwechseln wir Ernst nicht mit Freudlosigkeit; es ist ein bewußtes Erleben des Seins. Doch wer versucht schon, ins Innerste lauschend, den Sinn seines Lebens bewußt zu erspüren? So formt sich von selbst, ganz natürlich, die Schranke, die Goethes Kündung für jene verschließt, die solches Verlangen nicht in sich tragen. –
Ich werde nun in weiterer Folge Verse aus beiden Teilen des »Faust« – ohne Beachtung des Szenengefüges – nur ihrem Sinn nach zusammenstellen. Das scheint mir kein Grund, daran Anstoß zu nehmen. Hier steht ja an Stelle des Bühnengeschehens die Goethesche Weltsicht im Vordergrund. Und welche seiner Gestalten er immer im Spiele die Botschaft verkünden läßt, so bringt sie doch immer nur seine Gedanken – und ordnet man sie, ergibt sich das Bild.
Ich will Ihnen aber gerne auch sagen, weshalb diese Art, den »Faust« zu betrachten, nach meiner Meinung Berechtigung hat:

»Was soll euch Wahrheit? – Dumpfen Wahn
Packt ihr an allen Zipfeln an. –« (5.735 f.)

klagt Goethe. Er ist sich also bewußt: Nahezu hoffnungslos, aber gefährlich ist es, die Wahrheit bringen zu wollen, denn

»Wer darf das Kind beim rechten Namen nennen?
Die wenigen, die was davon erkannt,
Die töricht gnug ihr volles Herz nicht wahrten,
Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,
Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.« (589 ff.)

Doch finden wir andererseits auch die Worte:

»[…] denn welcher Lehrer spricht
Die Wahrheit uns direkt ins Angesicht?« (6.750 f.)

Gibt uns das nicht einen deutlichen Hinweis, daß Goethe die Wahrheit zwar sagen will, doch indirekt, verschlüsselt, versteckt? Er hat, wie ich meine, mit Vorbedacht das klare Bild der Wahrheit zerschlagen. Wir sollen den Ernst unseres Strebens beweisen, indem wir uns mühen, die Splitter zu suchen und sie zum Ganzen zusammenzufügen.

 

DIE BESTIMMUNG DES MENSCHEN

So ist auch der Körper des Erdenmenschen seinerseits nur eine stoffliche Hülle, doch

»In dieser Hülle
Ist auch Geistes Mut und Kraft; […]« (9.800 f.)

Wo aber steht nun der dieser Hülle innewohnende Menschengeist im Rahmen der geistigen Stufenordnung, die von den urgeschaffenen Geistern herab bis zu Stäubchen des Geistigen reicht?
Aufschluß geben die Worte Mephistos:

»Ein wenig besser würd er leben,
Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein,
Nur tierischer als jedes Tier zu sein.« (283 ff.)

Vom Schein des Himmelslichts« ist hier die Rede; ein Abglanz nur, ein glimmender Funke, der erst entfacht zu erhellen vermag. Und das ist die Tragik des Menschengeschlechtes: Das Nicht-Erkennen der eigenen Art! Fragen Sie jemand: »Was ist denn der Geist?« Die Antwort wird sein: »Der Verstand … die Vernunft …«, doch keiner wird sagen: »Das bin ich doch selbst!« So läßt, anstatt mit dem Pfunde zu wuchern, bewußt sich zu werden seines Gebrauchs, der Mensch gar oft die Natürlichkeit des Tieres, dem nichts Geistiges eigen, vermissen – weil er sich selbst nicht begreift!
Es scheint – von höherer Warte betrachtet – den Fünkchen Geistes dann so zu ergehen:

»Gar selten aber flammt’s empor,
Und leuchtet rasch in kurzem Flor;
Doch vielen, eh man’s noch erkannt,
Verlischt es, traurig ausgebrannt.« (5.636 ff.)

Denn so wie der Funke den Stoff benötigt, um sich zur Flamme entwickeln zu können, zugleich aber auch den Atem der Höhe, den Sauerstoff, nicht zu entbehren vermag, da sonst ihn der Stoff, statt zu nützen, erstickt – so braucht auch der Geist die Verbindung zum Lichte, damit er im Stoffe sich kräftigen kann. Herrlich wird dieser Entwickelungsgang von Goethe im folgenden Verse beschrieben:

»Steigt hinan zu höherm Kreise,
Wachset immer unvermerkt,
Wie, nach ewig reiner Weise,
Gottes Gegenwart verstärkt.
Denn das ist der Geister Nahrung,
Die im freisten Äther waltet:
Ewigen Liebens Offenbarung,
Die zur Seligkeit entfaltet.« (11.918 ff.)

Das Bild verlangt, sich von innen zu weiten, um immer mehr erfassen zu können, bis endlich dann, im leichtesten Zustand, nur Gottes Liebe erlebbar wird. Immerwährend ist diese Beglückung des reifen Geistes im »Paradies«, obwohl er auch dort nur der Gegenwart Gottes – doch niemals ihm selbst – zu begegnen vermag.
Das sind nicht nur Bilder. Das gleiche Gesetz wirkt im Verdampfen des siedenden Wassers, wenn durch die Steigerung innerer Wärme seine Lebendigkeit, Grenzen bezwingend, es – leichter geworden – sich ausweiten läßt. Was wir im Stoffe beobachten können, gilt – in der Art nur verändert – im Geist: Der Mensch, der das glimmende Feuer des Geistes bis an die Grenze der Daseinsform steigert, bereitet schon seine Verwandelung vor.
Wenige Verse schon haben genügt, in Fernen das Ziel uns erkennbar zu machen. Gehen wir jetzt auf das Einzelne ein.
Wie wird denn der Geist, der dem Stoffe doch fremd ist, mit diesem verbunden?

»[…] noch niemand konnt es fassen,
Wie Seel und Leib so schön zusammenpassen,
So fest sich halten, als um nie zu scheiden, […]« (6.893 ff.)

Die Frage scheint offen – und doch wird die Antwort versteckt schon in diesen Zeilen gegeben: Die Seele – der Geist in zarter Umhüllung – ist eine Brücke, ein Übergang. Sie wird von der Strahlung des Körpers gehalten – und daraus erklärt sich zuletzt auch der Tod. Ist diese Strahlung durch Schwächung des Körpers oder Zerstörung nicht kraftvoll genug, so lösen die leichter beschaffene Seele und mit ihr der Geist sich vom Körper ab:

»Das ist das Seelchen, Psyche mit den Flügeln, […] (11.660)

Im Nabel ist sie gern zu Haus –
Nehmt es in acht, sie wischt euch dort heraus.« (11.668 f.)

Wie wahr! In Nabelnähe, im Sonnengeflecht, mündet die manchmal erschaute Verbindung, die »silberne Schnur«, die als letztes sich trennt. Doch Sterben ist nur ein Geborenwerden zum Dasein in einer anderen Welt:

»Sieh! wie er jedem Erdenbande
Der alten Hülle sich entrafft,
Und aus ätherischem Gewande
Hervortritt erste Jugendkraft.« (12.088 ff.)

Es altert demnach nur die stoffliche Hülle; der Geist bleibt derselbe – die Leben hindurch, denn alles ist Einheit, hüben wie drüben:

»Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben, […]« (504 ff.)

»Ein« muß man hier in der letzten Zeile als Zahlwort, nicht als Artikel, verstehen, als Ausdruck des Wissens um Wiedergeburten. Sie bieten uns gnädig die Möglichkeit, uns durch das Erleben begangener Fehler zu wandeln und aus der Verstrickung zu lösen – kurz, uns

»[…] zu seligem Geschick
Dankend umzuarten.« (12.098 f.)

Denn anders als fehlerhaft-menschlich zu werden durch volle Entfaltung der geistigen Art, ist ja der Zweck aller irdischen Wege. Hören wir, wie er erfüllt werden kann:

»Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen.« (11.936 f.)

Das klingt so bekannt, daß man keine Gedanken sich über den Sinn dieses Verses mehr macht. Und doch hat uns Goethe ein Schöpfungsgesetz von größter Bedeutung hier nahegebracht. Da ist nicht von »wollen«, von »dürfen« die Rede, – »können« bedeutet die Unmöglichkeit des Anders-Handelns, weil göttlicher Wille – die Ordnung der Schöpfung – dies niemals erlaubt. Hier wird der unerbittliche Ausschluß der Geistesträgen klar aufgezeigt, denn

»Liebe nur Liebende
Führet herein.« (11.751 f.)

Fünf Worte umschließen das ganze Geheimnis, enthalten den Schlüssel zur Seligkeit! Die schöpfungtragende göttliche Liebe vermag nur für jenen die Tore zu öffnen, der ganz in sie eingeht. Wie logisch das ist! Denn Gottes Liebe hat uns erschaffen, – ihn wiederzulieben mit ganzem Verlangen heißt, einfach in seinem Willen zu wirken durch Reinheit des Denkens und freudige Tat.
So können wir schon auf Erden beginnen, Verbindung zu suchen zu höherer Kraft:

»Heilige Gluten!
Wen sie umschweben,
Fühlt sich im Leben
Selig mit Guten.« (11.817 ff.)

Den, der sich derart veredelt hat, führt das Gesetz gleicher Arten beim Tode in die seinem Geist schon vertraute Umgebung, weil er ihr, artgleich geworden, entspricht:

»Vom edlen Geisterchor umgeben,
Wird sich der Neue kaum gewahr,
Er ahnet kaum das frische Leben,
So gleicht er schon der heiligen Schar.« (12.084 ff.)

Die Unabdingbarkeit der Gesetze muß dem, der vor ihnen schuldig geworden, freilich als strafende Härte erscheinen:

»Hier kein Markten, hier kein Handeln,
Wie er es beging’, er büßt es.
Singe keiner vom Vergeben!« (5.387 ff.)

Hier zeigt sich, daß wir uns ein falsches Bild von göttlicher Liebe zu machen pflegen. Achten Sie aber genau auf die Worte: Nicht was er beging, hat der Mensch nur zu büßen, auch wie er es tat – in der nämlichen Art! Unfehlbar ist diese Wechselwirkung, die jeden die Früchte des eigenen Wollens, streng abgewogen, zu ernten zwingt. Hier ist die – nichtsahnend von manchem vermißte – stets absolute Gerechtigkeit!
Was können wir anderes als die gerechte – nur selbstverschuldet als Strafe erscheinende – Wechselwirkung von Gott denn erwarten?

»Ein Richter, der nicht strafen kann,
Gesellt sich endlich zum Verbrecher.« (4.805 f.)

Er würde durch Nachsicht das Übel nur fördern. Doch Gottes Gesetze sind das Gefüge, das uns, ja die Schöpfung, am Leben erhält. Im Nachdruck, der uns durch Erleben des Falschen endlich zur Einsicht des Rechten veranlaßt, liegt also letztlich nur helfende Liebe, die uns vor Schaden bewahren will. Erkennen Sie jetzt, wie die Wechselwirkung Gerechtigkeit Gottes mit Liebe vereint? Gott straft nicht; er leitet durch seine Gesetze uns nur auf die Wege des Lebens zurück.

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