Verwehte Zeit erwacht, Band 1 (E-Book)

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Beschreibung

Details

Dieses Buch beschreibt geschichtlich bedeutende Ereignisse auf der Grundlage geistiger Schauungen. Die Verfasser schrieben auf, was sie erschauten, verstanden sich aber als Vermittler, nicht als Verfasser der Texte im üblichen Sinn. Deshalb ist für dieses Buch kein Autor genannt. Inhalt: Krishna, Nahome, Kassandra, Maria von Magdala.
Zusatzinformation
ISBN 978-3-87860-516-4
Ausführung .epub, .mobi (ohne Kopierschutz/DRM)
Sprache Deutsch
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KRISHNA

EINE REINE MENSCHENBLÜTE hatte sich geistig geöffnet für eine besonders hohe Inkarnation.
Diese Blüte war Sita, Krishnas Mutter. Wie ein stiller reiner Lotos auf heiligem Wasser war sie erblüht, natürlich, unverbogen und rein. Fern von der schwülen Atmosphäre des indischen Südlandes verlebte sie als Angehörige einer hohen Kaste ihre Kindheit harmonisch in Verbindung mit dem hohen Geistigen.
Von einzigartiger Schönheit und Erhabenheit war das Land, das durch unübersteigbare Gebirgszüge abgeschlossen war von der übrigen Welt.
Schimmernde Eisriesen umrahmten weiß und gewaltig das gesegnete Hochtal, das viele, viele Stunden weit ausgedehnt in ihrer Mitte ruhte. Durch seine Lage konnte das Tal die Strahlungen der Gestirne in gesetzmäßigem Rhythmus aufnehmen.
Durchflutet von sprudelnden Wassern aus den Eisregionen, durchweht von klaren Schneelüften, die von milden Südwinden erwärmt wurden, konnte die Luft, die sich über das Tal breitete, die Erde gleichmäßig mit Feuchtigkeit und Wärme befruchten. Die heißen Strahlen der Sonne wurden durch erfrischende Lüfte gemildert, und die hohen Berge hielten die rauhen Winde ab.
Ein begnadetes Reich der Mitte in des Wortes schönstem Sinne war dieses kleine Land. Hier konnten sich die Menschen ungehindert und rein entwickeln; denn durch die Verbindung mit den Naturkräften waren sie unberührt geblieben von dem verwirrenden Einfluß der Welt.
Keinerlei Entartung gab es hier. Groß und wohlgebaut, schlank und geschmeidig waren die Gestalten, lang und schmal Hände und Füße.
So ebenmäßig und natürlich, wie sie nach ihres Schöpfers Willen geschaffen waren, erhielten sie in selbstverständlichem Begreifen auch ihre Körper, die sich immer richtig bewegten, richtig atmeten, so daß keine Hemmung sie bedrücken konnte.
Daraus erwuchs ihnen als Folge, daß ihre Geister ständig Kraft aus reinsten Sphären erhalten konnten. Das erhielt ihre Seelen in vollkommener Harmonie, und dadurch blieben auch ihre Körper gesund.
Unter diesen reinen Menschen war ein so gewaltiges geistiges Schwingen, daß es wie ein glühend reiner Strahlenring den Bannkreis ihres Landes geistig schützte, so daß sich nichts Niederes, nichts Artfremdes nahen konnte.
Aus diesem Stamme erwuchs Sita, die reine Lotosblüte, und sie trug eine Frucht, die durch Bestimmung der »Weißen Flamme« Krishna genannt werden sollte.

DER PALAST, in dem Krishnas Vater, der König, lebte, war umgeben von einem heiligen Hain. Viele Arten herrlicher Bäume gediehen an den klaren Wassern, die ihn rauschend umflossen. Von sieben Quellen aus sieben Himmelsrichtungen wurden diese Ströme gebildet, die Luft und Erde erfrischten.
Rauschend bewegten sich Palmen und breite Blattgewächse in den feuchtwarmen Winden, und in den starken Sonnenstrahlen des Mittags sprühten die Wasserfälle in Regenbogenfarben durch die Lüfte. Dann erglänzten die Palmen und die großen Blätter in smaragdenem Grün und verströmten kräftige Wohlgerüche.
Über samtene Matten führte ein schmaler Pfad langsam empor zu immer schöneren Gärten.
An der höchsten Stelle stand ein Mangohain. Besonders geheiligt war er dem Geschlecht der Könige. Steine luden dort gleich Ruhebänken den Wanderer ein, sich beschaulich niederzulassen. Hier konnte sich ein jeder leicht nach oben öffnen in der natürlichen Lockerung des Körpers, die Aufnahmefähigkeit erzeugt und Sehnsucht in der Seele erweckte nach den weißen Hallen, die geistige Reinigung und Erquickung boten.
So wurde der Besucher vorbereitet, wenn sich aus dem smaragdenen Gürtel der besonnten Blätterkronen plötzlich vor ihm eine Mauer erhob, schimmernd wie Schnee, hoch und breit.
Wie ein mächtiger viereckiger Block erhob sich die eigentliche Burg über den Mauern. Ihr Gestein war mit dem weißen Felsen förmlich verwachsen, als hätte ein Meißel sie daraus gebildet.
Nur wer ernsthaft nach Reinheit und Schönheit strebte, durfte das Tor durchschreiten. Sein Körper erschien ihm leichter und frischer als zuvor. Andächtig beugte er sein Haupt und legte seine Schuhe ab.
Aus den Häusern der Siedlungen tönte der rhythmische Klang freudiger Arbeit zur Burg hinauf. Das ganze Tun des kleinen Volkes war ein Gebet der Dankbarkeit!
Über diese reinen Menschen, deren Lebenszweck darin bestand, dem Schöpfer und Erhalter zu dienen, herrschte als Fürst Krishnas Vater. Er versah auch den Dienst vor dem Allerheiligsten im Tempel, dem er sein Leben weihte. Er und elf Ritter reinsten Geisteswollens mußten es sein, die den Raum der »Weißen Flamme« hüten durften.
Dieser Dienst war ihnen von den Vätern als heiligstes Gut anvertraut worden. Durch die Kraft der Flamme erstrahlte der Geist dieser Männer und wirkte weiter auf alle ihre Diener. Sie trug die Kraft des Lebens in sich.
»Die Weiße Flamme« sollte über die hohen Berge bis in die Tiefen der Niederung ausstrahlen, um allen Menschen zu helfen und sie zu stärken. Darum war sie für alle das höchste Gut. Aber außer dem kleinen erwählten Stamme wußte niemand von ihr.
Die Andachten waren ganz naturverbunden und deshalb voller Leben.
In dem allerheiligsten Raume, der sich, allen Augen verborgen, hinter dem gewaltigen Tempelsaale des zweiten Stockwerkes befand und mit seinem hochstrebenden Turme in die Bläue des Himmels zu greifen schien, versammelten sich zu vorbestimmten Stunden die zwölf Ritter.
In weiße Mäntel gehüllt, standen sie im Kreise um eine Tafel, auf der ein weißer Stein erstrahlte. Er ruhte in der Mitte eines gewaltigen Silberspiegels, der nach Osten gerichtet war und sich mit dem Lauf der Sonne drehte, alle Strahlen auffing und sie verstärkt wieder aussandte. Er sammelte Wärme und Leuchtkraft und eine bestimmte Art der Strahlungen, die heimliche Kräftequellen bargen. Dieser Stein war der irdische Lichtspender der schimmernden Burg, er war aber auch der Schützer und Träger des Heiligsten, das diese Menschen besaßen; denn er gab die Verbindung mit der Weißen Flamme!
Wieder einmal waren die Ritter zur Andacht versammelt. Aus ihrem Kreise trat der oberste Diener, der weise Ritter genannt. Er hob seine Hände nach Osten und betete. Seine Augen nahmen einen sonderbaren Glanz an; denn der Fürst war begnadet, sein geistiges Auge und Ohr hohen Kräften öffnen zu können. Lange blieb er in stillem Gebet.
Im Nebensaale harrten andachtsvoll die anderen Eingeweihten, weit waren ihre Seelen geöffnet.
Eine so große Kraft erstand in der runden Halle, daß ihr Druck die Wände zu sprengen drohte. Immer stärker sammelte der Silberspiegel die in den Raum fallenden Lichtstrahlen, die er erst gelb, dann weißleuchtend wiedergab, bis sich auf der Spitze des Steines ein zitterndes, spiegelndes Leuchten zeigte, das mit dem weißen Lichte von oben in Berührung kam.
Plötzlich zischte eine riesige Weißflamme auf, und im gleichen Augenblick sprach eine Stimme aus dem weisen Ritter:
»Ich bin und rufe Euch! Sita soll einen Sohn gebären, und die Welt wird durch ihn Meine Wahrheit hören. Hütet das Gut, das Ich Euch sende:
Krishna, den Helden!«

WENIGE WOCHEN SPÄTER, als Sita mit ihren Frauen in den Gärten weilte, fühlte sie plötzlich eine große Mattigkeit, die ihr sonst fremd war. Sie wäre gern dem Sang und Spiel der tanzenden Mädchen entronnen. Unruhig blickten ihre dunklen Augen umher. Fast schmerzhaft empfand sie den Klang der Harfen.
Da trat ihre erste Dienerin und Freundin zu ihr, und mit einem Blick des Einverständnisses gingen beide Frauen dem Hause zu. Sita ruhte und erwachte erst nach Stunden aus tiefem Schlaf. Sie fand sich allein und dankte es der Freundin, die stets das Richtige tat.
So konnte sie die Ruhe genießen, die sie heute so beglückend empfand. Still sann sie vor sich hin und summte leise eine Melodie. Da erfüllte ein helles Licht den Raum, und in Rosenschimmer erglänzte alles um sie her.
Die Lichtgestalt eines Ritters nahte sich ihr. Er trug ein weißes Gewand mit einem goldenen Brustpanzer. In der Hand hielt er ein Schwert.
»Sita, höre, heute noch wird der Geist in Dich eintreten, den Du Krishna nennen sollst.«
Also vollzog sich die Inkarnation des Krishna, eines der Ausgesendeten des Geistes.

DIE JAHRE VERGINGEN, und aus dem Kinde Krishna, das fröhlich mit seinen Spielgefährten in den Gärten tollte, wurde ein sinnender Knabe. Er hatte es gelernt, die Waffen zu führen; gut verstand er, auf der Jagd und im edlen ritterlichen Spiel mit ihnen umzugehen. Bald aber war die Zeit der Kinderspiele und Jugendübungen vorbei, und weise Lehrer förderten nun seine Gaben im Wissen von den Gesetzen und schönen Künsten, im Dichten, Schreiben und in der Musik.
Besonders aber sehnte sich Krishna, Näheres zu erfahren von den Wesenheiten, die er kannte und liebte, die ihm erschienen, als brächten sie ihm Kunde und reiche Gaben aus einem fernen, wohlvertrauten Lande.
Kräfte wundersamer Art nahten sich ihm oft und wurden von ihm verstanden. Alle in seiner Nähe wußten davon; denn auch sie kannten jene großen Zusammenhänge der Schöpfung, und unausgesprochen erlebten sie mit dem erwachenden Knaben das Werden seiner hohen Bestimmung.
Jeder liebte und leitete ihn in seiner ihm gegebenen Weise, angefangen bei dem weisen, priesterlichen Vater, der über allen stand, bis zu den einfachsten Dienern. Jeder fügte sich willig und blickte nur auf das große Ziel, das vor dem Knaben lag.
Bald begannen die Kräfte der Natur gewaltigeren Eindruck auf Krishna zu machen, besonders die Sonne, die ihn des Morgens mit ihren ersten Strahlen weckte. Brausend hörte er ihr singendes Licht nahen, sobald über den nächtlichen Himmel der erste Schein zu huschen begann, noch ehe das Rund ihrer Scheibe am Horizont auftauchte. Wie das Singen dieser Strahlen das leise Zwitschern der Vögel erweckte, so bebte der Klang auch stets durch Krishnas schlafenden Körper.
Mit diesem Klange erschien ihm eine Wesenheit, deren Anblick er nie versäumen mochte; denn sie gab dem anbrechenden Tage eine ungeahnte Weihe und Kraft.
Es war eine weibliche Gestalt mit einem gebogenen goldenen Gefäß, das die Form eines riesigen Stierhornes hatte und von mildem, rosigem Licht erfüllt war.
Sie war die Vorbotin des nahenden Tages. Zuweilen ritt sie auf einem hellen Tiere in einem goldenen Bogen. Das Tier änderte seine Gestalt mit der aufsteigenden Sonnenbahn. Eine Reihe von Tagen erschien sie immer auf demselben Tier.
Lange Zeit vermochte Krishna sich diese Erscheinung nicht zu erklären, aber er beobachtete um so eifriger, sann und prüfte. Er stieg, sobald die rosige Gestalt erschien, ja, sobald das Klingen der Lichtstrahlen begann, auf den Turm über dem Tempel, den die Sonnenstrahlen zuerst trafen.
Einmal erschien das Bild eines mächtigen Stieres am östlichen Himmel, dann das eines Krebses und dann wieder das eines Widders. Krishna begann, sich die Tage zu merken, an denen er diese Bilder sah, und dann kam er darauf, die Tage in Stein einzugraben, an denen die Bilder nicht wechselten. Zu seiner Freude gewahrte er, daß eine bestimmte Anzahl von Tagen sich immer wiederholte, während der Mond seine Gestalt viermal wechselte.
Er begann den Rhythmus der Schöpfung zu ahnen und blickte staunend und andachtsvoll zum Himmel empor, der ihm die Größe und Macht seines Schöpfers offenbarte.
Alles Geschehen am Himmelsgewölbe erschien Krishna wie ein Kreislauf, bei dem Anfang und Ende miteinander verschmolzen. Den Standpunkt seiner Beobachtungen empfand er dabei immer wieder als Mittelpunkt.
Ihn führte der Geist, daß er auf seinen weißen Steinplatten Strich zu Strich, Zeichen zu Zeichen fügte, und damit feststehende Begriffe von Einheit und einer Vielheit fand, durch die er weiterforschen konnte. Es war nicht das Forschen zäher, einseitiger Wißbegierde, die sich nur in einer Richtung betätigte und darüber starr und leblos wurde, es war anbetendes Erkennen der Gnade, Macht und Güte des Allerhöchsten, den er sich noch in dem Lichte der Sonne dachte.
So arbeitete Krishna als Knabe im Alter von zwölf Jahren.
Eins fügte sich zum anderen. Sein junges Leben war wie eine Kette von leuchtenden Edelsteinen, kostbar und glänzend reihte sich Perle an Perle, Stein an Stein zu einem köstlichen Geschmeide. Ein Bild um das andere wurde ihm von den wunderbaren Geheimnissen der Welt geschenkt.
Sonne und Mond und die Form ganzer Sternengruppen zeigten sich ihm als gestaltete, wirkende und gestaltende Kräfte von auserlesener Schönheit. Die Zahlen, die er aus den Begriffen ableitete, die Laute, denen er in feststehenden Schriftzeichen Ausdruck zu geben versuchte, sie verbanden sich wieder auf wunderbar geheimnisvolle Weise mit den Strahlen und den Schwingungen, welche er aus den Himmelslichtern aufzufangen begann.
Ihm erschien die Welt, so wie er sie jetzt erkannte, wie ein herrliches Gewebe, das vom Himmel bis zur Erde reichte, und er fühlte sich unermeßlich reich in diesem Wissen. Von unbeschreiblicher Glückseligkeit war er erfüllt, und oft faltete er die Hände, während heißes Glücksgefühl in ihm aufstieg, für das er keine Worte fand. In solchen Augenblicken sah er ein großes weißes Licht, dessen Ursprung er nicht kannte.
Seine Umgebung beobachtete mit staunender Freude die stille, eifrige Art des Knaben und störte seine Entwicklung nicht.
Sita liebte ihren Sohn über alles. Ihre ganze Fürsorge und Liebe galten ihm allein. Die Musik verband beide in schönen, aber seltenen Stunden. Sie versuchte, ihn zu verstehen; aber dem Höhenfluge seines Geistes vermochte sie nicht zu folgen.
So kam die Zeit, da der Sohn immer mehr aus den sorgenden Händen der Mutter in die straffe Führung der väterlichen Liebe hinüberglitt. Was ihn innerlich und ernstlich beschäftigte, besprach er gern mit dem Vater. Weite Ritte unternahmen beide, nur von zwei vertrauten Dienern begleitet. Hoch empor führten sie die Wege in die herrlichen Waldungen der Berge.
Dort oben, auf einem windumbrausten Gipfel war es auch, wo der Sohn dem lauschenden Vater von seinen Erlebnissen mit Sonne, Mond und den vielen Sternen, von den Tönen und Farben, die er wahrgenommen, und von der Berechnung seiner Bilder erzählte. Der Vater nickte zufrieden und verstehend und sagte:
»Dies ist nur der Anfang. Noch tiefer mußt Du in Dir forschen, dann werden Dir die Augen für alles geöffnet werden und Du wirst erleben, was in der Welt und über den Welten ist. Mein Sohn, bald wirst Du reif sein, die Weisheit Deiner Ahnen zu empfangen. Nur wenige Jahre trennen Dich noch von Deiner Erfüllung. Weise bereiten Dich die heiligen Gesetze, daß Du sicher stehst. Wenn die Zeit der körperlichen Reife eintritt, dann wird auch Dein Geist die Flügel breiten zum Fluge in das Dir bestimmte Reich. Dein jetziges Erleben ist nur die Vorbereitung.«
Krishna wunderte sich über die Worte seines Vaters. Dieses Herrliche, Erhabene sollte erst der Anfang sein zu seinem Werden? Ihn, der so tief zu erfassen vermochte, erdrückte fast die Fülle dieser Verheißung, und es befiel ihn ein Bangen.
Zum ersten Male empfand er ein Ahnen großer Verantwortung. Wie viel wird von dem gefordert, dem so viel gegeben ist! Sein immer mehr erwachender Geist faßte den festen Entschluß, dieser Forderung stets gerecht zu werden.
Es war, als hätte diese Aussprache mit seinem Vater ihn um Jahre gereift. Der Überschwang seines Forschungsglückes hatte sich geglättet wie ein See, dem die Kühle des Abends die Wogen beruhigt. Erwartung breitete sich fast wehmütig über seine Freude. Der Ernst des Berufenseins erfüllte vorahnend seine geöffnete Seele. Wieder stieg wortloses Bitten in ihm zu ungeahnten Höhen auf, bis an ein noch unerkanntes Ziel.

SOBALD KRISHNA die hohen Wesenheiten der Natur zu erkennen begann, entspann sich eine wundervolle Übereinstimmung mit ihnen. Immer stärker wurde die Liebe in ihm, und durch die Liebe, welche bei ihm in natürlicher, unverbogener Reinheit die Gerechtigkeit in sich trug, stand sein Geist in dem Gesetz des Ausgleichs und der Harmonie.
Liebe und Gerechtigkeit strahlten aus ihm und zogen die guten Kräfte an, und da in seiner Umgebung nichts war, was dieser Reinheit entgegenstand, so wurden Liebe, Gerechtigkeit und Reinheit immer stärker angezogen.
Seiner Umgebung fiel es zuerst an seinem Umgang mit den Tieren auf. Krishna brachte es nicht mehr über sich, zu jagen. Das Hetzen des Wildes, das er als edles Jagdspiel gepflegt hatte, widerstrebte ihm jetzt. Aus Liebe gab er die Jagd auf, aus Liebe kamen nun die Tiere zu ihm. Wie es ihm mit den Tieren erging, so auch mit den Elementen. Nachdem er das Leben der wesenhaften Sphäre erkannt hatte und sich mit den Wesen der Luft, des Wassers, des Feuers und der Erde zu verständigen vermochte, waren sie ihm dienende Freunde, mit denen er im Einvernehmen stand. Nie aber nützte er sie zu irgendeinem Vorteil für sich aus.
Gleichmut und Einfachheit bildeten die erste Stufe auf dem Weg zur Vollendung. Krishna bemühte sich, diese Tugenden zu erringen.
So kam es auch, daß ihm das Tor der Weisheit aufgetan wurde, und er erkannte, daß er Raum und Zeit überwinden konnte. Durch diese Erkenntnis öffnete sich sein geistiges Auge; er schaute in lichtere Ebenen und wurde immer stärker in der Demut vor der Größe des Gesetzes.
Nachts erschienen ihm hohe Wesen, oder sein Geist, sein eigentliches Ich, trat eine Wanderung an, die ihn weit emporführte. Auch dort war alles lebendig wie auf der Erde, und wunderbare Wesen begegneten ihm.
Der Wesenhafte, den er im Kleide der irdischen Sonne sah, erschien ihm als sein besonderer Freund. Doch bald erkannte er, daß dieser seine Kraft nicht aus sich selbst schöpfte. Alles, was er an Strahlung, an Bewegung, Formung, Umbildung erlebte, alles, was er an Gestirnen und deren Wesenheiten sah, erschien ihm plötzlich nachgebildet und nachgeschaffen. Eigenartig leer wurde ihm die Welt der Sinne, und er suchte das Übersinnliche um so stärker zu erfassen.
So lebte er gleichzeitig im Körper und über der Stofflichkeit. Als Geist durchwanderte er die Urschöpfung und fand dort seine eigentliche Heimat.
Wie ein Spiegel der Urschöpfung erschien ihm die Nachschöpfung. Er erlebte ihre andersartige Dichte und ihre immer stärkere Kristallisierung.
Zuerst war es ihm nicht möglich, sich zurechtzufinden, und die Wesen der Geistsphäre wurden ihm erst nach und nach sichtbar. Dabei ereignete sich aber das Wunderbare, daß er sich in einem Kreise Gleichartiger fand. Mit dem Verstand vermochte er dies nicht zu erfassen, aber er wußte, daß es so war.
Er glaubte an die schaffende Kraft und verehrte sie. Er wußte, daß sie über der Sonne und den Gestirnen zu suchen war, aber nun erkannte er, daß die Kraft des Lebens, deren Ursprung er außerhalb der Gottheit seines Volkes und außerhalb des Sonnensystems suchte, auch noch über der Urschöpfung thronte. Da ergriff ihn das Gefühl der Kleinheit, und er sank betend in die Knie.
Krishnas Körper war krank geworden; denn auf der weiten Wanderung seines Geistes in dessen Heimat war ein Strahl in ihn gedrungen, der den Körper als irdische Hülle umbilden mußte, damit dieser seine Geistesausstrahlung dauernd ertragen konnte. Im Anfang aber lähmte der Strahl den Erdenkörper.
So war Krishna auf göttliches Gebot mit nicht ganz vierzehn Jahren dem feierlichen Eintritt in die Einweihung vorangeeilt.
Die Weiße Flamme hatte gesprochen: sein Vater sollte ihn in den Kreis der Hüter aufnehmen.
Als Krishna nach acht Tagen und acht Nächten aus einem tiefen Schlaf erwachte, konnte er sich zuerst nicht regen; denn die Kraft aus der Urschöpfung übte einen ungeheuren Druck auf den Erdenkörper aus, an den dieser sich erst langsam gewöhnen mußte.
Alle waren voll Besorgnis um ihn bemüht; Sita wich nicht von seinem Lager. Er sprach aber nicht zu ihnen von seinem Erleben; denn auch sie hätten das Wissen von der Urschöpfung noch nicht aufnehmen können. Dieses Bewußtsein war wie ein Gebot in seine Seele gemeißelt, das ein Höherer gesprochen hatte, und es mußte dabei bleiben.

Ein neues Leben war in ihm erwacht, das lange geschlafen hatte: er sah nun mit dem geistigen Auge.
Auch menschlich war Krishna ein anderer geworden; er war kein Knabe mehr. Groß und schlank, überragte er selbst die Männer seines Stammes. Das Gesicht aber hatte die kindliche Anmut und Schönheit behalten, überstrahlt von Güte und Weisheit. Die Klarheit seines kraftvollen Willens gab ihm den Stempel der Strenge. Gebieterisch und königlich war seine Erscheinung, sein Gang nach der Gesundung voll Würde und Ruhe.

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