Begleitung am Sterbebett (E-Book)

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Beschreibung

Details

Aus dem Wissen um das Jenseits ergeben sich wertvolle Hilfen zur Begleitung am Sterbebett. Die Beiträge in diesem Buch stammen u. a. von erfahrenen Hospiz-Helferinnen und berichten von Erfahrungen am Sterbebett, von Sterbebegleitung als einem unvergleichlichen Erlebnis und vom Hinübergehen.
Zusatzinformation
Autor diverse
ISBN 978-3-87860-446-4
Ausführung .epub, .mobi (ohne Kopierschutz/DRM)
Sprache Deutsch
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Vorschau

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Erfahrungen am Sterbebett

Von Waltraud Große, Erlangen
Die Autorin ist Hospiz-Helferin.

Im allerletzten Abschnitt ihres Erdenlebens müssen viele Menschen allein bleiben – beispielsweise im anonymen Umfeld eines Krankenhauses. Nur wenige haben das Glück, im Kreis ihrer Familie auch noch am Sterbebett eine menschliche Begleitung erleben zu dürfen. Auch wo sich Angehörige liebevoll um einen Todkranken kümmern, sind diese oftmals körperlich und seelisch so in Mitleidenschaft gezogen, daß zusätzliche Hilfe nötig ist. Um so wichtiger ist die Arbeit von Hospiz-Helfern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, dort, wo der Moment des Hinübergehens nahe ist, Zuwendung, Anteilnahme, Liebe und Trost zu spenden und Angehörige zu entlasten.

Meine Erfahrungen mit Schwerstkranken und Sterbenden setzten lange vor meiner Tätigkeit als Hospizhelferin ein, so daß ich sie hier mit einbeziehe.

Mein kleiner Neffe erkrankte mit 3 Jahren an Nierenkrebs und ging im Alter von 4 Jahren hinüber. Die letzten Wochen lag er in der Klinik. Wenn Besuch kam, erzählte er immer, er sei wieder auf der schönen Blumenwiese gewesen und habe dort mit vielen Kindern gespielt. Das war meiner Meinung nach eine Tatsache; zwischendurch war er bereits in der Ebene, in die seine Seele nach dem Erdentod kommen sollte. Die Eltern hielten seine Erlebnisse zuerst für Träume, Phantasien. Ich versuchte, ihnen zu helfen, sie als Wirklichkeit zu nehmen.

Mein kleiner Neffe kannte genau den Turnus, wann ihn der eine oder andere aus der Familie oder der nächsten Umgebung besuchte. Eines Tages trug er seiner Mutter auf: „Morgen muß die Oma mit der Susanne (so hieß seine Schwester) kommen.“ Es war ein richtiger Befehl. Zum Glück richteten sich die Erwachsenen danach; im üblichen Turnus hätten ihn seine Großmutter und seine Schwester (die Menschen, die ihm neben seinen Eltern am nächsten standen), nicht mehr gesehen.

Er verschied kurz darauf ganz ruhig.

Für mich ergab sich daraus die Konsequenz, Wünsche von Sterbenden ernst zu nehmen, rasch zu reagieren.

Ich wohnte damals 170 km entfernt von meinem Neffen. Ein eigenes Telefon besaß ich damals nicht. Eines Nachts träumte ich von ihm. Ich sah ihn vor mir. Er sagte nichts. Er sah weder krank noch traurig aus, sondern strahlte mich richtig an. Als am nächsten Morgen meine Schwester zu mir kam, brauchte sie mir gar nichts zu sagen, ich wußte: Er hatte seinen kranken Körper verlassen dürfen, ihm ging es jetzt gut, und ich war so glücklich, daß er gekommen war, um sich von mir zu verabschieden. Dieser Traum war für mich Wirklichkeit.

Meine Schwägerin begleitete ich nach einer Kopftumor-Operation die letzten vier Monate in der Klinik. In der letzten Zeit war sie viel abwesend, konnte auch nicht mehr sprechen. Auch wenn sie zu schlafen schien, achtete ich darauf, daß im Krankenzimmer nur das gesprochen wurde, was sie auch hören sollte, wenn sie wach gewesen wäre. In dieser Zeit erlebte ich, daß eine Verständigung auch ohne Worte vor sich gehen kann; durch das lange Zusammensein spürte ich, wenn sie bestimmte Wünsche hatte: etwas vorgelesen bekommen, Fotos von der Familie anschauen, Fenster öffnen … Vor allem war es ihr immer wieder wichtig zu hören: „Ich bleibe bei dir!“

Sie konnte nicht mehr schlucken. Mit den sehr einfühlsamen Ärzten hatten wir besprochen, daß wir keine künstliche Lebensverlängerung durch künstliche Ernährung, herzstärkende Mittel usw. wollen, weil für uns das Leben nach dem Erdentod weitergeht und deshalb diese Erdenzeit nicht um jeden Preis verlängert werden muß.

So setzte ein natürliches Abnehmen der Kräfte ein.

Dennoch: Eines Morgens schlug meine Schwägerin die Augen auf, schaute mich an und zeigte, daß sie trinken wolle. Zu meinem Erstaunen trank sie fast einen Liter Tee aus, war noch kurze Zeit voll wach und ging dann rasch und deutlich spürbar in das letzte Stadium über – es waren ihre letzten 24 Stunden auf der Erde.

Dieses Aufleben kurz vor dem Abscheiden wird oft beobachtet: ein letztes Kräftesammeln, eine letzte Kräfteentfaltung, Mitteilungsmöglichkeit, Wunscherfüllung.

Dieses letzte Stadium machte mir, obwohl ich es damals zum erstenmal erlebte, klar: Jetzt geschieht etwas ganz Neues. Ich habe weiterhin leise mit meiner Schwägerin gesprochen, aber sehr gezielt – um ihr Mut zu machen, den Schritt nach drüben zu tun. Ich habe sie vor mir gesehen, wie ich sie als lebenslustige junge Frau gekannt hatte, und ich sagte ihr, sie würde drüben wieder so voll Energie und voll Freude sein, wenn sie diesen kranken Körper verlassen habe. Es war keine traurige Stimmung im Zimmer. Die Krankenschwestern schauten nur zwischendurch herein, fragten, ob irgend etwas gebraucht würde, ließen uns aber sonst allein, so daß wir eine wunderbare Ruhe im Zimmer hatten. Ich habe ihr auch kurze Gebete vorgesprochen, die sie kannte. Als dann die Nacht kam – mit klarem Sternenhimmel –, mußte ich ihr unwillkürlich sagen: „Flieg da hinauf, zu den Sternen, zum himmlischen Licht!“

Berührt habe ich sie in dieser letzten Phase kaum noch, nur, um Schweiß abzuwischen. Das letztemal umarmt habe ich sie zu Beginn dieser letzten Phase und habe ihr dabei auch gesagt, daß ich sie jetzt ganz für sich lasse, sie nicht mehr berühre, damit ich sie nicht störe, wenn sie sich nach drüben aufmacht. Die Körperausstrahlung eines Gesunden kann dem Todkranken durchaus bei langer Berührung Kräfte übertragen, die ihn wieder stärken und sein Hinübergehen verzögern.

Die letzten Atemzüge waren wie Seufzer der Erleichterung: „Jetzt habe ich es geschafft!“ Und genau so mußte ich auch ihr Abscheiden den Krankenschwestern und der Familie mitteilen. Ich mußte jedem sagen: Sie hat es geschafft! Es wäre mir unmöglich gewesen zu sagen: Sie ist gestorben. Diese Erleichterung bei den letzten Atemzügen – wie am Ende einer großen Anstrengung – konnte ich auch später bei anderen Patienten erleben.

Während der Betreuung meiner Schwägerin erlebte ich auch viele Mit-Patienten. Eine davon war eine alte Bäuerin. Sie hatte im ganzen Körper Metastasen, litt viel und war todgeweiht. Eines Tages sagte sie zu mir: „Was habe ich denn von meinem Leben gehabt? Gearbeitet, Kinder geboren, wieder gearbeitet, und jetzt bin ich krank!“ Viel Bitterkeit kam dabei zum Ausdruck. Mit ihr hätte ich bestimmt nicht über den Sinn des Lebens sprechen können. Ich habe sie gefragt, was ihre Kinder machen und ob sie auch Enkel hat. Und da fing sie von ganz allein zu erzählen an und hörte gar nicht mehr auf! Ich merkte, wie viel ihre Kinder und Enkel ihr bedeuteten, daß sie auch stolz war, was der eine oder andere machte und konnte. Als sie fertig war, sagte ich ihr: „Und da sagen Sie noch, Sie hätten nichts von Ihrem Leben gehabt!“ Sie stutzte einen Augenblick, und dann meinte sie: „Ja, es war doch schön!“

Als ich am nächsten Morgen kam, war ihr Bett leer. Sie war in der Nacht friedlich eingeschlafen. Ich kann nicht sagen, ob sie auch ohne dieses Gespräch in dieser Nacht eingeschlafen wäre. Wenn ja, dann war es immerhin gut, daß sie im zufriedenen Zustand von dieser Erde ging. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, daß Unzufriedenheit mit dem Leben, Vorwürfe gegenüber dem Schöpfer und ähnliches einen Menschen daran hindern können, von der Erde zu scheiden; das verlängert natürlich sein Leiden.

Wenn wir mithelfen können, daß ein Todkranker Frieden schließen kann – mit seinem Schicksal, mit dem Schöpfer, mit seiner Familie, wenn er verzeihen kann, dann erleichtern wir ihm das Abscheiden.

Bei einem Ehepaar, das sich sehr geliebt hat, habe ich folgendes erlebt: Der beiderseitige Wunsch war, trotz der schweren Krankheit des Mannes noch recht lange zusammensein zu können. Der Mann ging lange Zeit sichtbar immer mehr auf das irdische Ende zu. Einige Tage, nachdem die Frau gesagt hatte: „Ich wünsche – so schwer es für mich sein wird –, daß er bald sterben kann“, schied ihr Mann ohne Todeskampf ab.

Offenbar müssen die Angehörigen den Sterbenden manchmal „freigeben“, bevor er wirklich gehen kann.

Hier können wir als Hospizhelfer unterstützend tätig sein: Einmal in der Mitbetreuung der Angehörigen und zum anderen, indem wir dem Sterbenden die Sorge um seine Angehörigen etwas erleichtern. Es ist für einen Sterbenden eine Entlastung, wenn wir ihm sagen: „Wir lassen Ihre Frau nicht allein, wenn Sie nicht mehr da sind.“ Dann stehen wir natürlich auch dazu. Das bedeutet am Anfang eine oft sehr intensive Betreuung von Hinterbliebenen, besonders bei Suizid-Gefährdung.

Mit einem Bild konnte ich sowohl Sterbenden als auch ihren Angehörigen oftmals Trost und Hoffnung vermitteln: Ich vergleiche die gegenseitige Liebe mit einem unendlich weit dehnbaren Gummiband; jeder kann seinen Weg gehen – im Diesseits oder im Jenseits – dort, wo sein Platz jetzt ist. Jeder kann andere Aufgaben erfüllen, in beliebiger Entfernung vom anderen. Die Verbindung bleibt trotzdem durch das Band der Liebe erhalten, und da es unendlich weit dehnbar ist, wird keiner durch den anderen auf seinem jetzigen Weg behindert oder festgehalten. Dieses Band hat eine große Leitfähigkeit, so daß gute Gedanken und Wünsche, Fürbitten und vielerlei Hilfen hin- und herströmen können; manchmal wirken sich diese Hilfen für den auf Erden Zurückgebliebenen sogar deutlich spürbar aus.

Wo dieses Bild als Gewißheit angenommen wird, gestaltet sich ein Abschied leichter.

Im Sterbeprozess gibt es eine Phase, in der das Interesse des Sterbenden an der diesseitigen Welt nachläßt. Für die Angehörigen ist dies oft belastend, weil sie es nicht einordnen können. Der Sterbende schaut nicht mehr den Angehörigen an, sondern auf einen fernen Punkt. Während zum Beispiel ein Mann sich früher darüber freute, seine Ehefrau wiederzusehen, wenn sie nach einer halbstündigen Abwesenheit vom Einkaufen zurückkam, so nimmt er jetzt ihr Wiederkommen nach Stunden kaum noch wahr. Wenn die Ehefrau dann fragt: „Ja, freust du dich gar nicht, daß ich wieder da bin?“, sammelt der Mann seinen Blick mühsam von weit her, schaut sie abwesend an und sagt fast gequält: „Doch“.

Wenn die Angehörigen nicht davon wissen, daß die Seele zeitweise schon in eine andere Welt schaut, entsteht dadurch leicht ein unausgesprochener Vorwurf, der den Sterbenden wieder traurig macht, weil er dies alles spürt. Wenn es uns hier gelingt, die Lage zu erklären, so ist allen geholfen.

Auch andere Veränderungen bei einem Sterbenden können den Angehörigen zu schaffen machen: „Er redet wirres Zeug“, heißt es manchmal, wenn ein Patient auf eine Art und Weise spricht, die entweder vom Wortlaut oder vom Sinn her unverständlich ist. In der Folge davon wird ein solcher Mensch oft nicht mehr für voll genommen. Gerade das bedeutet für einen Sterbenden einen Verlust seiner Würde.

Den Angehörigen versuche ich in einem solchen Fall zu verdeutlichen: „Ihr Verwandter lebt zwar noch hier auf der Erde und nimmt noch manches in seiner Umgebung wahr, aber gleichzeitig lebt er teilweise schon in einer anderen Wirklichkeit, die unseren irdischen Sinnen verschlossen ist; dennoch ist sie genauso vorhanden wie die uns sichtbare Welt.“

Was ein Sterbender erlebt, können wir nicht beurteilen. Es kann die Ebene sein, in die er nach dem Erdentod gehen wird, es können auch eigene Gedanken- oder Empfindungsgebilde sein; nicht selten sehen Sterbende liebe Menschen, die vor ihnen abgeschieden sind und die sie gleichsam abholen oder ihnen eine andere Art der Hilfe schicken.

Immer wieder zeigt es sich, daß Sterbende feinere Antennen entwickeln als wir noch ganz auf der Erde Verwurzelten. Dazu ein Beispiel: Ein todkranker Patient hatte einen Bruder, der ebenfalls sehr krank war und in einigen hundert Kilometern Entfernung lebte. Durch Telefonate hielten beide Familien den Kontakt zueinander aufrecht. Eines Tages traf die Nachricht ein: der Bruder ist verstorben. Die Familie wollte den sichtbar selbst auf den Tod zugehenden Patienten schonen. Als er sich erkundigte: „Wie geht es meinem Bruder?“ wagte man nicht über dessen Tod zu sprechen und brachte zum Ausdruck, daß es ihm nicht besonders ginge. Darauf der Patient: „Er ist tot“.

In der folgenden Zeit sprach der Patient viel für die Umgebung Unklares, aber zwischendurch schien er sich mit seinem Bruder zu unterhalten, mit dem er sich immer gut verstanden hatte, und bei diesen Gesprächen mit dem ihm vorausgegangenen Bruder wirkte der Patient zufrieden und glücklich.

Nur kurze Zeit später ist er selbst abgeschieden.